Von Erika Martens

Heinrich Reiter hatte ein arbeitsreiches Wochenende. Der Präsident des Bundessozialgerichts in Kassel plagte sich mit Besetzungsvorschriften und Gesundheitssicherung, Nachtzuschlägen und Überstundenbegrenzung. Denn schneller als allgemein erwartet, muß sich der erfahrene Schlichter der Druckindustrie in die festgefahrenen Verhandlungen der Tarifparteien einschalten. Die Arbeitgeber, repräsentiert durch den Bundesverband Druck, hatten die Manteltarifgespräche in der dritten Runde für gescheitert erklärt. Am 31. Januar soll nach ihrem Vorschlag das Schiedsgericht unter dem Vorsitz von Reiter zum ersten Mal tagen.

Detlef Hensche, stellvertretender Vorsitzender der IG Druck und Papier, und seine Kollegen traf das rasche Ende der Verhandlungen völlig unvorbereitet. "So was Gespenstisches hab ich noch nicht erlebt", gesteht Hensche. "Es gibt Komplexe, über die noch gar nicht geredet wurde", andere seien nicht einmal zehn Minuten lang in kurzen Statements angerissen worden. So etwas, resümiert Hensche, sei in seiner langjährigen Tarifpraxis noch nicht vorgekommen, vor allem nicht bei einem so umfangreichen und komplizierten Verhandlungspaket.

Die Arbeitgeber können indes nichts Besonderes an ihrem Vorgehen finden. Ein Blick auf die Praxis der vergangenen Jahre, so Peter Klemm vom Bundesverband Druck, beweise, daß es seit 1984 nie mehr als vier Gesprächsrunden gegeben habe, bevor das Scheitern erklärt wurde. Und mit einer Ausnahme (1986) habe stets die Gewerkschaft die Gespräche aufgekündigt.

In langwierigen Verhandlungen habe der Bundesverband Druck ohnehin keinen Sinn gesehen. "Das Scheitern war programmiert", sagt Klemm. Überdies sei die Atmosphäre von Anfang an "nicht gut" gewesen. Beim dritten Termin seien dann auch noch etwa hundert Demonstranten vor dem Verhandlungslokal aufmarschiert, um Druck zu machen. "Da haben wir einfach keine Chance mehr gesehen." Dennoch, betonen die Arbeitgeber, wollten sie in der Schlichtung "eine gütliche Einigung" mit der IG Druck erreichen, ein Ziel, das nach dem bisherigen Verlauf der Tarifrunde immer unwahrscheinlicher wird.

Schon lange ehe die Gespräche Mitte Dezember vergangenen Jahres begannen, hatte die IG Druck mit Streiks gedroht. Sie wollte damit nicht nur ihren eigenen Forderungen Nachdruck verleihen, sondern auch denen der Arbeitgeber entgegentreten. Die hatten sich nämlich zu einem Entschluß durchgerungen, der in der deutschen Tarifpraxis, in der die Arbeitgeber üblicherweise auf Forderungen der Arbeitnehmervertreter reagieren, wohl einmalig ist: Der Bundesverband Druck kündigte von sich aus die Anhänge zum Manteltarifvertrag für die gewerblichen Arbeitnehmer, ein kompliziertes Paragraphenwerk, das seit Jahrzehnten die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten regelt.

In den Augen der Gewerkschafter drohte die Manteltarifrunde 1989 damit zur "grundsätzlichen Bewährungsprobe" zu werden. Die Anhänge seien das "Herzstück" des Tarifwerks, sozusagen die "Magna Charta" der Druckindustrie, klagten sie. Sie zu beseitigen hieße, "zentrale Tarifrechte auf breiter Front" abzubauen. Seit dem Ende der Weimarer Republik habe es dies nicht wieder gegeben.