Von Klaus-Peter Schmid

Über dem Paseo de la Castellana liegt an diesem Mittwoch Sonntagsstimmung. Wo sich sonst der Großstadtverkehr zehn- bis zwölfspurig über Madrids Prachtstraße wälzt, verlieren sich ein paar Autos. Boutiquen und Bars, Banken und Büros sind geschlossen, die Madrilenen promenieren in der milden Sonne des frühen Winters. Grafitti an den Häuserwänden und überall herumliegende Flugblätter verraten das Besondere an diesem Tag: huelga general, Generalstreik.

Ganz Spanien hatte dem 14. Dezember entgegengefiebert. Zum ersten Mal seit 1934 legte ein Generalstreik die Wirtschaft in weiten Teilen des Landes lahm. In Barcelona, Sevilla, Valencia zogen die Massen protestierend durch die Straßen. Die sozialistische Gewerkschaft UGT und die kommunistischen Comisiones Obreras hatten gegen die Wirtschaftspolitik des Sozialisten Felipe González mobil gemacht. "Die Verlierer werden besiegt sein, die Sieger werden verlieren", hatte El País gewarnt. Und Regierungssprecherin Rosa Conde gab zu bedenken: "Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich die Finger."

Der Generalstreik, das mußte hinterher auch Regierungschef González eingestehen, war ein voller Erfolg. Vor allem hat er ein Datum gesetzt: Der 14. Dezember 1988 ist künftig der Tag, an dem Spaniens Linke ihre internen Spannungen zum offenen Konflikt ausarten ließ. Eine spanische Tragödie? Eher ein normaler Vorgang in einem Land, dem der Fortschritt nicht schnell genug geht. Der erste Elan in den Jahren nach der Diktatur war gewaltig, Modernität wurde zur Mode, Reichtum zum Statussymbol. Der Wohlstand vermehrte sich – vor allem dort, wo er schon da war. Der Abstand zwischen den Erfolgreichen und den Zukurzgekommenen wuchs. Nun aber verlangten die Gewerkschaften den Preis für jahrelanges Stillhalten: eine gerechtere Verteilung der Früchte eines mehr als erstaunlichen Wachstums.

Keine Frage: Zu verteilen hat Spaniens Wirtschaft eine ganze Menge. Das Sozialprodukt erlebte in den letzten Jahren Zuwachsraten, die von keinem anderen Land der Europäischen Gemeinschaft erreicht wurden: 1987 waren es 5,3 Prozent, 1988 noch 4,4 Prozent. Die Inflation, vor zehn Jahren noch bei 15 Prozent, ist auf weniger als sechs Prozent gesunken. Der Außenhandel weist zwar ein stattliches Defizit auf; doch über 50 Millionen Touristen im Jahr sorgen für genügend Devisen, um das Loch zu stopfen. Die Peseta ist stärker denn je. Seit 1987 ist Spanien eines der wenigen Netto-Gläubigerländer der Welt. "Die Prognosen der OECD", so schrieb vor einem Jahr die Organisation der Industrienationen in Paris, "lassen erwarten, daß die günstige Entwicklung in fast allen Bereichen anhält."

Fast – denn da ist das chronische Übel der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote liegt seit Jahren bei 20 Prozent. Etwa drei Millionen Spanier suchen vergeblich – nach einer Beschäftigung, über die Hälfte davon ist jünger als 25 Jahre. Die Zahl der Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, steigt unaufhörlich; zwei Millionen Analphabeten finden keinen Arbeitsplatz. Außerdem sind ein Fünftel aller Anstellungsverhältnisse Zeitverträge, also provisorisch. Wenn die Schwarzarbeit nicht florierte, wenn nicht mancher Arbeitslose von einer Großfamilie mitversorgt würde, sähe die soziale Bilanz noch viel dramatischer aus.

Diese Schatten werden leicht verdrängt, vor allem von denen, die auf der Sonnenseite des Booms stehen. In Madrid scheint Goldgräberstimmung ausgebrochen zu sein. Grundstückspreise und Mieten schnellen in die Höhe, Bürohäuser wachsen in den Himmel, der Wagenpark hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Alles Ausländische ist schick, die Männer im Nadelstreifen mit dem Lederköfferchen in der Hand sind allgegenwärtig. An der Börse der Hauptstadt toben sich die Spekulanten aus. Nirgendwo in Europa, wenn nicht auf der Welt, könne man heute in kürzester Zeit mehr Geld verdienen, soll Wirtschafts- und Finanzminister Carlos Solchaga erklärt haben.