Krankenkassen und Pharmaindustrie unterlaufen die Kostendämpfung

Von Wolfgang Gehrmann

Die Herren waren harmonisch gestimmt, als sie um neun Uhr früh zu einem abschließenden Gespräch zusammenkamen. In stillen Kontakten hatten sie über Wochen zuvor eine komplizierte und konfliktträchtige Materie beschlußreif verhandelt: Die Preise für alle wichtigen Arzneimittel auf dem deutschen Markt sollten zur Jahresmitte 1989 um rund zwanzig Prozent sinken.

Mit den Erlöseinbußen könnten sie leben, so hatten die Vertreter der pharmazeutischen Industrie signalisiert. Auf der Gegenseite hatten die Funktionäre der Krankenkassen zugestanden, daß sie auf noch stärkere Preisabschläge nicht dringen würden.

Doch das Gentlemen’s Agreement konnte an diesem 16. Dezember in Siegburg bei Bonn wider Erwarten nicht besiegelt werden. Schlag 10.30 Uhr mußte sich der Gastgeber der konferierenden Herren plötzlich kurz entschuldigen. Ein unabweisbarer Anrufer aus Berlin verlangte, zu Eckart Fiedler, dem Geschäftsführer des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen, durchgestellt zu werden. Am Telephon war das Bundeskartellamt.

Verbindlich im Ton, doch fest in der Sache, verlangte der Vorsitzende der 3. Beschlußabteilung der Wettbewerbsbehörde, Frank Segelmann, über sämtliche Details der gerade in Siegburg laufenden Besprechungen sowie aller Vorverhandlungen ins Bild gesetzt zu werden. Gesprächsprotokolle seien umgehend nach Berlin zu schicken. Das Kartellamt sehe in den Kontakten zwischen der pharmazeutischen Industrie und den Krankenkassen einen Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz. Ein Untersagungsverfahren sei eingeleitet.

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