Von Benedikt Erenz

Ein Wort gibt das andere: Stefan Zweigs Produktivität ist legendär. Aber alles Gehirne über den Literaturfabrikanten, den "Erwerbszweig", kratzt kaum am Lack seines schier endlosen Erfolgs. Denn wenn auch kein originärer Meister, so war er doch ein Könner, ein genialischer Feinmechaniker, ein leidenschaftlicher Konstrukteur komplizierter Psychen, historischer Situationen und Biographien. "Ah, die Geschichte, diese große Versucherin, die einen in ihre Labyrinthe zieht: wer sie wirklich betritt, findet den Ausgang nie mehr!" schrieb er einmal an den Freund Romain Rolland. Und es sind diese Labyrinthe – das große der Geschichte und das kleine, unendlich verästelte Labyrinth in einem jeden –, die er mit Henleinschem Geschick und Vernescher Phantasie in seinen Büchern nachgebaut hat.

Da gab eine Novelle die andere, aus einer Biographie wuchs die nächste, und es war anläßlich der Aufführung seines Rokokostücks "Der verwandelte Komödiant" in Mainz, als Stefan Zweig dort 1913/14 auf den Stoff für ein neues Drama stieß: ein Stück, an dem er jedoch – ungewöhnlich genug für ihn – fast sein ganzes restliches Leben basteln sollte, ohne je damit zufrieden zu werden. Erst 1984 erschien "Adam Lux – Zehn Bilder aus dem Leben eines deutschen Revolutionärs" gedruckt; am vergangenen Samstag wurde es in Mainz uraufgeführt.

Dabei hatte Zweig auch hier sein spontane Gespür nicht getrogen. Adam Lux – der Lebensweg dieses deutschen Jakobiners führt gerade mitten hinein, in das Labyrinth seiner Zeit, hinein in den "Lenz der Hoffnung" und "Winter der Verzweiflung" (wie es bei Dickens so schön heißt): mitten hinein, in den großen, wüsten Irrgarten der Französischen Revolution. Lux gehörte mit Georg Forster, mit Mathias Metternich, Anton Felix Blau und einigen anderen zu jenen kühnen Demokraten, die 1792 unter dem Schutz der französischen Waffen die erste Republik auf deutschem Boden, die "Mainzer Republik" begründeten. Im Frühjahr 1793 ging er mit Forster (und André Patocki) als Abgesandter des "Rheinisch-deutschen Nationalkonvents" nach Paris; weder er noch Forster sollten Mainz, sollten Deutschland je wiedersehen. Vergessen sind sie bis heute.

Stefan Zweigs "Adam Lux", das ist die Illumination einer "Sternstunde der Menschheit" und zugleich, wie so oft bei Zweig, Bildungsroman, Augenblick einer Initiation – "erstes Erlebnis". Adam Lux, der reine Schwärmer, der Schillerjüngling, der die Mainzer Ereignisse wie ein Römerdrama durchlebt hat, wie ein Tugendweihefestspiel ("Nein, Forster, jetzt keinen Kleinmut! Fühlst du denn nicht die Größe dieser Stunde?"), steht plötzlich fassungslos, mit schleichendem Entsetzen vor der grausig-grotesken Pariser Mordmaschinerie und gerät schon bald – darunter. In Abscheu ergriffen von der Gewalt jenes "Stroms der Revolution", der "bei jeder Krümmung seine Leichen ausstößt", wie es Büchners Saint-Just, dieser Yuppie des Terrors, so trefflich brutal beschreibt, kann Lux nicht widerstehen und bringt sich selbst als Opfer dar. öffentlich bekennt er seine Bewunderung für Charlotte Corday, die Mörderin Marats, ja, er denunziert sich selber – um schließlich, am 4. November 1793, dort zu enden, wo er, in der Verwirrung der Gefühle, zuletzt nur enden wollte: unter der Guillotine.

Eine deutschfranzösische Revolutionsminiatur, zehn Bilder aus dem Leben eines Zufrühgekommenen: "Triumph und Tragik" des Adam Lux. Zweig macht erst gar nicht den Versuch, seinen Stoff in Shakespearesches Welttheater zu verwandeln. Mit "Dantons Tod" hat "Adam Lux" nichts zu tun. Und was an expressionistischem Menschheitspathos hier und da noch durch den Text bricht, ist eher Nachklang. Zweig arrangiert ein historisches Lehrstück, dessen Kern die psychologische Fallstudie ist: das Seelendrama eines Schwärmers, eines vor lauter Enthusiasmus Wehrlosen – eines von der Geschichte Besiegten.

Zweig arrangiert, er komponiert nicht. Er setzt nebeneinander, entwirft Konstellationen. Er stellt die Figuren auf die Bühne, wie man Kugeln in einer bestimmten Formation auf einen Billardtisch legt. Das ist die Tücke dieses Stücks. Die Debatten Adams mit Forster, seine Begegnungen mit Marat, mit der Corday – das alles ist bei Zweig sorgsam abgemessen, exakt plaziert. Jetzt fehlt nur noch das Queue, die sichere Hand, die das Spiel in Bewegung setzt und die Kugeln aufeinander zuschießen, aufeinander prallen läßt.