Wurst aus Sofa mögen wir nicht. Auch Wein mit glykolisiertem Zuckerwasser kommt uns nicht ins Glas. Was in den Nadeln und in den Joghurts so alles drin ist, das wollen wir schon wissen. Fleißig beachten wir die Hinweise des Gesundheitsamts und studieren im Wochenblatt genau die Seite "Vermischtes", auch die Beilagen "Du und Dein Heim", "Meine Familie und ich" und "Mein Hund bleibt gesund". Denn da steht’s: Suppen der Firma S. mit Motoröl gestreckt, Thunfisch aus Holland mit Ameisen gewürzt, Tannenzapfen aus Taiwan völlig verdorben.

Doch der Mensch, schon wahr, lebt von Nudeln nicht allein. Ein Buch zum Beispiel gehört in jeden gut sortierten Kühlschrank. Am Abend noch hetzen wir in den nächsten (Bücher-Supermarkt und greifen uns eins. Vielleicht nur flüchtig schauen wir auf den Titel, der Interesse, ja, Begehren weckt, lesen, was auf dem Rücken steht – doch schon der Klappentext bleibt notgedrungen unbeachtet, da alles so aids-sauber kondomisiert und abgepackt ist. Ja, und da ist das Unglück dann geschehen.

Schon haben wir zum Beispiel den "Insel-Almanach auf das Jahr 1989" des Insel/Suhrkamp Verlags in der Tasche: "Goethe und die Französische Revolution", haben saubere 16 Mark gezahlt für 181 Seiten Klassik – und für 139 Seiten "Lieferbare Werke des Insel Verlages", vulgo: Werbung. Ein starkes Stück, zumal der sogenannte "Insel-Almanach" schon seit Jahren auf diese Weise gestreckt wird. Doch so toll wie dieses Jahr...

Nichts gegen Goethe, nichts gegen die Französische Revolution, nichts gegen den wackeren Herausgeber und Erläuterer Karl Otto Conrady, der (bis Seite 188) beide Themata gekonnt verquicken darf. Aber ein heftiges "Das ist ja wohl das Letzte!" dem Hause Unseld, das mit diesem erstklassigen Pfusch wieder einmal zeigt, daß nicht nur Eiernudeln den Verbraucher herb enttäuschen können.

Jawohl: gleiche Pflicht für alle. Ein klarer Hinweis auf dem Umschlag muß endlich Vorschrift werden, "Dieses Buch", so sollte wenigstens zu lesen sein, "besteht zu 40 Prozent aus der Titelliste unserer Gesamtproduktion. Es wurde unter ständiger Aufsicht eines vereidigten Textchemikers hergestellt. Bitte beachten Sie das Verfallsdatum!" Stempel: "Dr. Unseld". Denn – und wer wüßte das besser als Suhrkamp – auch ein Buch ist nur ein Joghurt. Finis