Von Markus Asam

Hier oben gibt es keinen Schlagbaum, nicht einmal normale Bäume. Der Grenzübergang ist eine Gartenzauntür in 2023 Meter Höhe, halb vom Schnee verweht. Hier, in einer Scharte auf dem Kamm des Wettersteingebirges, gibt es auch keinen Zöllner, der eventuell die Tür zu entriegeln und Paßphotos zu mustern hätte. Für Zöllner ist das Klima zu rauh, der Tür fehlt ein Pfosten für den Riegel, und die Grenzgänger sind so vermummt, daß sie ihren Paßphotos kaum mehr ähneln – Skifahrer, die mit einem Spreizschritt den Staat wechseln. Der Grenzübergang heißt "Gatterl", das ist die alpine Verniedlichungsform für eine kleine Pforte.

Einen Rest Ehrfurcht sollen die emaillierten Schilder mit den Wappen Österreichs und Tirols einjagen (Tirol hat die längere Stange). Der Versuch mißlingt. Deutschland und Bayern verzichten freiwillig auf Grenzzeichen, dafür haben sie weiter unten zwei Diensthütten an den Hang gesetzt, von denen aus im Sommer verdächtige Bergwanderer erspäht werden.

Für den nötigen Respekt sorgt schon eher das eiserne Kreuz auf dem Geröllbrocken neben dem "Gatterl". Die Schluchten rundum sind lawinengefährdet und manche Leute leichtsinnig. Aber man ist weit weg vom Pistenrummel des Zugspitzplatts, wo man auch bei großer Vorsicht von irgendwelchen Rowdies niedergebrettert wird, deren Hirn die Höhenluft nicht verträgt. Weit weg die Liftmasten, statt dessen rohe Dome aus Kalkfels. Obwohl – ein Lift würde den Aufstieg in diese Ruhe doch sehr erleichtern.

Auf dem Grat genießt man das Panorama, links unten ist Garmisch-Partenkirchen und rechts Ehrwald/Tirol. Dorthin führt die Tourenabfahrt und mitten hinein in das Gerangel um die Zugspitze und das Geld der Skitouristen. Der Grenzübergang "Gatterl" ist einer der wenigen Plätze, wo man nichts davon spürt.

Ehrwald hat 2200 Einwohner, 4100 Gästebetten und 375 Stellflächen für abgehärtete Camper. Garmisch hat 28 000 Einwohner, ebenso viele Gästebetten und ein Spielkasino. Die Ehrwalder bauten eine Seilbahn auf den Gipfel, die Garmischer zwei und eine Zahnradbahn dazu. Die Ehrwalder veranstalten Gästerennen (freitags), in Garmisch richteten sie eine Olympiade (1936) und eine Weltmeisterschaft (1978) aus. Die Garmischer machen immer alles eine Nummer größer. Ihr Slogan trompetet: "Ski In Spitze Spitze", das Ehrwalder Motto geigt: "An der Sonnenseite der Zugspitze". Und das ist der Grund, warum die Tiroler am südlichen Fuß des Wettersteinmassivs doch ganz gut bestehen: Sie haben die Sonnenseite, und selbst die Garmischer können das Platt nicht wenden. Aus Ärger wahrscheinlich besteuern die jetzt die Ferienwohnungen jener Schicht, die dem Bayerrort den Titel "Altersheim Deutschlands" einbrachte. Noch etwas bestärkt die Tiroler Gelassenheit – sie haben genug Berge, die viel höher ragen, aber der Deutschen Höchstes ist halt die Zugspitze mit ihren weniger als 3000 Metern. Berge kann man nicht düngen.

Die Hänge am Wettersteinmassiv sind nett und meistens flach, bekommen viel Sonne ab, trotzdem sind sie ziemlich schneesicher. Auf reichlich breiten Abfahrten kann man gemächlich querschwingen, ohne die anderen zu erzürnen. Anfänger und Familien kurven in Pflugbogen herum. Vater zeigt wacklig, wie’s geht, Mutter und Tochter kommen um einiges eleganter hinterher. Die Mittagspause beginnt früh. Schnell noch ein Getränk aus der Hütte holen und ab in den Liegestuhl. Im Umkreis braunen Rheinländer, Norddeutsche und Holländer, Hals und Dekolleté entblößt. Skifahren macht Spaß, aber wir sind schließlich im Urlaub.