Von Uwe Vorkötter

Helmut Lohr glaubte das Schlimmste bereits überstanden zu haben. Am Montag vergangener Woche mußte der 57jährige Manager zwar offiziell seinen Verzicht auf den Chefposten bei der Standard Elektrik Lorenz AG ankündigen, doch ihm gelang zugleich ein überraschender Coup: Der umstrittene Vorstandsvorsitzende, gegen den der Staatsanwalt seit einem Monat wegen des Verdachts der Untreue und der Steuerhinterziehung ermittelt, sollte eine neue Aufgabe in der Zentrale des europäischen Telephonkonzerns Alcatel übernehmen, zu dem die Stuttgarter SEL seit Anfang 1987 gehört. Pierre Suard, der souveräne Herrscher im Alcatel-Imperium hatte dem glücklosen Lohr seine Gnade und dazu den Titel eines Senior Vice President geschenkt. Helmut Lohr, dem an Titeln einiges liegt, war wieder obenauf.

Nur zwei Tage später wurde der Aufsteiger unsanft aus seinen europäischen Träumen geweckt. Morgens um neun läuteten zwei unauffällig gekleidete Herren am Tor der Lohrschen Villa in Vaihingen, unweit von Stuttgart, und begehrten Einlaß. Dem völlig verdutzten Hausherrn präsentierten die beiden einen Haftbefehl, den der zuständige Amtsrichter am Vortag ausgestellt hatte. Lohr sei, so konnte er dem Dokument entnehmen, nunmehr "dringend verdächtig", seine persönlichen Steuererklärungen gefälscht und seinen Arbeitgeber hintergangen zu haben. Damit nicht genug: Staatsanwalt und Richter wollten nicht ausschließen, daß sich "der Beschuldigte einem möglichen Strafverfahren in der Bundesrepublik entziehen konnte". Denn, so die Begründung, "wesentliche Vermögensteile" des vermögenden Spitzenmanagers befänden sich im Ausland.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Lohrs Beförderung in die Europa-Zentrale bestärkte die Justizvertreter in ihrer Absicht, den SEL-Chef festzusetzen. Alcatel, ein Konzern mit 23 Milliarden Mark Jahresumsatz und 133 000 Beschäftigten, firmiert offiziell in Amsterdam, wird aber von Paris aus gesteuert, wo auch der Mehrheitsgesellschafter, der französische Elektro-Multi Compagnie Generale d’Electricité (CGE) residiert. Weder die holländischen noch die französischen Behörden liefern einen Beschuldigten aus, wenn es um Steuerstrafverfahren geht. Und eine Auslieferung auf Grund des Untreueverdachts hätte zur Folge, daß der Spitzenmanager wegen der Steuerdelikte in der Bundesrepublik nicht belangt werden dürfte. Dem gelernten Ingenieur Helmut Lohr wollten diese juristischen Spitzfindigkeiten nicht einleuchten. Sein Kommentar, als er nach einem zermürbenden Tag beim Amtsgericht gegen eine Kaution von zweieinhalb Millionen Mark vorerst wieder auf freiem Fuß war: "Alles dummes Zeug."

Die Staatsanwälte sind indes sicher, daß ihre Materialsammlung gegen Helmut Lohr mehr als nur dummes Zeug enthält. Aus ihrer Sicht war der erste Schlag, den sie kurz vor Weihnachten gegen den SEL-Chef geführt hatten, ein voller Erfolg. Eine aufsehenerregende Durchsuchung sowohl der Privatvilla als auch der Diensträume Lohrs verschaffte ihnen damals Unterlagen, die wohl ausreichen werden, das vor vier Wochen eingeleitete Ermittlungsverfahren noch in diesem Jahr in eine Anklage münden zu lassen.

Kaum noch Zweifel hegen die Ermittler, daß Lohr sich der Steuerhinterziehung in großem Stil schuldig gemacht hat. Mindestens eine Million Mark Einkommensteuer, so führen sie in ihrem Haftantrag aus, habe er zwischen 1980 und 1986 hinterzogen. Zum Beispiel seien Einkünfte, die er vom US-Konzern ITT, dem früheren Mehrheitsgesellschafter der SEL, im Ausland kassiert habe, nicht deklariert worden. Auch die Vermögensteuererklarung des Ehepaars Lohr gilt als lückenhaft. Lückenlos ist dagegen die Übersicht der Staatsanwaltschaft über Lohrs Konten im In- und Ausland. Eine entsprechende Liste fanden die Steuerfahnder bei der Hausdurchsuchung in Vaihingen. Der penible Unternehmenschef hatte jeweils sorgfältig vermerkt, ob die Bankverbindung dem Finanzamt bekannt war oder nicht.

Steuerhinterziehung in diesem Ausmaß ist für deutsche Gerichte alles andere als ein Kavaliersdelikt, auch wenn die Urteile in der Parteispendenaffäre einen anderen Eindruck vermittelt haben. Wenn Lohr die Straftaten tatsächlich nachgewiesen werden, muß er mit einer Freiheitsstrafe rechnen. Daß sie zur Bewährung ausgesetzt würde, gilt als unwahrscheinlich.