Von Ludger Lütkehaus

Diepreußischen Häscher genieren sich noch etwas, als sie den entlassenenTheologieprofessor und Generalsuperintendentena.D. "auf höchsten Befehl" am 7. April 1789, drei Monate vor dem Sturm auf die Bastille, in seinem Weinberg bei Halle verhaften. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung und konspirative Geheimbündelei: Arrestant wird bezichtigt, er habe das preußische Religions-Edikt vom 9. Juli 1788 kritisch kommentiert und in einem pseudonym veröffentlichten, höchst unanständigen und unbotmäßigen satirischen Lustspiel glossiert. Außerdem sei er der Stifter der subversiven "Deutschen Union". Alle seine Papiere werden konfisziert. Der zuletzt bei ihm angestellte Sekretär, ein von Staats wegen eingeschleuster Spitzel, tritt als Denunziant gegen ihn auf.

Nach sieben Monaten Untersuchungshaft in einem völlig verdreckten Kerkerloch wird das Urteil des Kgl. Kammergerichts gesprochen: Den Kommentar zum Religions-Edikt lastet man dem Angeklagten nicht an. Und auch die Stiftung der "Deutschen Union" wird nicht für strafbar erklärt: Die freimaurerischen Traditionen Preußens sind noch zu mächtig, und die Verbreitung dieser Geheimgesellschaft bis in höhere Beamten- und Offizierskreise hinein ist zu groß. Doch da ist noch dieses satirische Lustspiel, und das reicht für eine Verurteilung zu zweijähriger Festungshaft (und zur Übernahme der Prozeßkosten) völlig aus. Ein hartes Urteil, obgleich der Verurteilte in der Festung von Magdeburg relativ gute Haftbedingungen erhält. Zudem will die insultierte Majestät aus ihm keinen Märtyrer machen und ermäßigt das von ihr selber verhängte Strafmaß generös um die Hälfte. Nur Besserung soll er geloben, der Aufklärung abschwören. Doch daran ist bei diesem geistigen Wiederholungstäter nicht zu denken. Noch im Gefängnis schreibt er – statt des brav versprochenen Buches gegen die Aufklärung – an mehreren religions- und gesellschaftskritischen Romanen und an der "Geschichte und dem Tagebuch seines Gefängnisses", Das bemerkenswerteste Resultat dieser Zeit ist indessen seine große, vierbändige Autobiographie: die "Geschichte seines Lebens, seiner Meinungen und Schicksale" – die Lebensgeschichte des "berüchtigten Dr. Bahrdt".

Seine Gegner – die Sachwalter der Orthodoxie, der Moral und der Subordination – haben ihm diesen polemischen Ehrentitel nur zu gern verliehen. Denn in der Tat: Dieser "berüchtigte Dr. Bahrdt" war – weiß Gott! – eine vielschichtige Figur. Erst frühreifes theologisches Wunderkind, dann Schreckensmann der deutschen Aufklärung, satirischer Schriftsteller (und oft genug selber Objekt der Satire), unermüdlicher Organisator und chaotischer Bankrotteur, philanthropischer Pädagoge und unbelehrbarer Freiheitsfreund, großer Gelehrter und noch größerer Liebhaber aller Tafel- und Liebesfreuden, kurz: ein akademischer Anarchist, ein Professor vieler Begierden. just in dieser Vielfalt zeigt sich aber auch der schlüssige innere Zusammenhang dieses Lebens: Die Verbindung von "natürlicher" Religion, erotisch-kulinaraschem Sensualismus, Popularaufklärung und Republikanismus – Aufklärung als ein lebensgeschichtlicher Prozeß. Aber das muß man erzählen.

Als erstes Kind eines orthodoxen lutherischen Pfarrers wird Carl Friedrich Bahrdt am 25. August 1741 in Bischofswerda geboren. Der Vater bringt es bis zum Theologieprofessor, gar zum Rektor der Universität Leipzig. Und der Sohn scheint zunächst keinen anderen Ehrgeiz zu haben, als ihm nachzufolgen. Selbst an der berühmten kursächsischen Gelehrtenschule von Pforta, deren Dressursystem sonst eher – von Fichte bis Nietzsche – Rebellen als Frömmler produzierte, gilt er als Streber und Verpfeifer. Bereits 1757 bezieht er die Universität. In der Schule des berühmten Christian August Crusius lernt er, daß man "als Philosoph der richtigste Denker" und "als Theolog der größte Phantast" sein kann.

Die Stunde der geistigen Aufklärung, die Bahrdt provozierend als Kontrafaktur des pietistischen Erweckungserlebnisses beschreibt, der Moment der Bekehrung, "wo das Licht meiner Vernunft die harte Kruste meiner Steifglaubigkeit aufriß, und der Durchbruch erfolgte, so daß das neugeborne Kind der Aufklärung (...) wachsen, und zum Manne reifen konnte", ist gekommen, als Bahrdt in die historisch-kritische Bibelexegese eingeweiht wird. Aber noch läuft alles in ruhigen Bahnen: 1761 legt er sein Kandidatenexamen ab; mit 25 Jahren wird er Theologieprofessor für orientalische Sprachen in Leipzig.

Doch dann bricht der erste Lebenssturm über ihn herein: Im Herbst 1767 wird er der Liaison mit einer Prostituierten angeklagt, die nicht folgenlos geblieben war. Der junge Gelehrte muß das Terrain wechseln. Auch in dogmatischer Hinsicht beginnt sich Bahrdts Ruf rapide zu verschlechtern. Als er 1768 unverhofft eine Berufung als Professor der biblischen Altertümer nach Erfurt erhält, kann ihn selbst die Hochschätzung, die Wieland ihm entgegenbringt, nicht davor bewahren, daß man seine Vorlesungen bespitzelt. Die theologische Fakultät bezichtigt ihn alsbald der Ketzerei und – nach berühmteren philosophischen Mustern – der geistigen Jugendverführung.