Von Michael Haller

Nichts als die Wahrheit – die vermeintliche Wahrheit – über Martin Heideggers enges Verhältnis zum Nationalsozialismus entdeckten die Franzosen vor achtzehn Monaten in einem Buch, das der in Berlin lebende Chilene Victor Farías verfaßt hatte: "Heidegger et le nazisme". Damals wollte sich keiner der angetragen deutschen Verleger an eine Übersetzung der auf spanisch verfaßten fünfhundert Manuskriptseiten wagen, Jene Veröffentlichung nannte die Tageszeitung Le Monde "explosiv", weil sie die geistige Landschaft in Aufruhr versetzte und den Himmel der populären nouvelles philosophes verdüsterte.

Der Schreck, den die Explosion auslöste, saß tief: Könnte es tatsächlich sein, daß dieser Vordenker der Postmoderne bereits ein Mitdenker, gar Wegbereiter der Nazi-Ideologie war, daß er schon immer anti-demokratisch dachte und dem Führerprinzip huldigte; daß er nicht nur deutschtümelnde Sätze sprach, sondern einem radikalen Antisemitismus mit allen seinen Konsequenzen das Wort redete; daß er bis an sein Lebensende einzig dem deutschen Geiste Weltführerschaft zusprach – und vor allem: daß diese faschistischen Überzeugungen seine Philosophie geprägt haben, die über nichts Geringeres als "Sein und Zeit" und "Das Wesen der Wahrheit" handelt.

Die deutschen Philosophen und Historiker waren zurückhaltend: So manche Enthüllung Farias’ war hier – anders als in Frankreich – seit den sechziger Jahren bekannt, wenn auch nicht bewertet und gedeutet. Zudem konnten die Kenner unter den Heidegger-Gläubigen mit dem Nachweis vieler Detailfehler den Angriff auf ihr Heiligtum fürs erste abwehren. Man wollte die bereinigte deutsche Übersetzung abwarten.

Vor Monaten schon angekündigt, liegt die deutsche Ausgabe seit letzter Woche tatsächlich vor. Seine "zentrale These", schreibt Fans-, in der Einleitung, gehe davon aus, daß Heidegger seit seiner ersten Publikation eine Denkweise zeige, "die sich aus einer autoritären, antisemitischen, ultranationalistischen Tradition" speise. "Lange vor der Übernahme des Rektorats... hat er politischpraktisch im Sinne des Nationalsozialismus agiert." Und als es 1934 zum Rückzug aus dem Amt kam, habe Heidegger damit gegen die NSDAP für die "ursprüngliche Wahrheit ihrer Bewegung" protestieren wollen: Nicht er sei vom Faschismus deutscher Prägung abgerückt, vielmehr habe Hitler mit dem Röhm-Putsch 1934 die eigentliche revolutionäre Bewegung zur Neubegründung des Deutschseins zerstört. Farias hält also an seinen früheren Thesen fest.

Viele der in der französischen Ausgabe enthaltenen Fehler wurden getilgt, Namen und Orte sind jetzt richtig geschrieben, die Quellen genannt, die Fundorte ausgewiesen: Der Literaturwissenschaftler. Klaus Laermann hat den spanischfranzösischen Text nicht nur in ein argumentationslogisches und begrifflich präzises Deutsch übertragen – was bei Heidegger ohnehin schwierig ist –, sondern sich auch um die Einhaltung wissenschaftlicher Standards bemüht,

Und doch wird Farías’ Sprengstoff vielleicht manche Meinung erschüttern, aber keine Überzeugung zum Einsturz bringen. Denn das Buch ist noch immer eine Fundgrube für Rechthaber und Besserwisser, soweit sie Farías Nachlässigkeit im Umgang mit den Fakten nachweisen möchten. Da soll zum Beispiel der Student Heidegger im Jesuiten-Noviziat von Tisis von ultrarechten, antisemitisch eingestellten Jesuiten indoktriniert worden sein (tatsächlich schnupperte der Student nur gerade zwei Wochen im Noviziat und entschied sich sogleich für ein Theologiestudium in Freiburg). Oder da wird von einer abgrundtiefen Krise schwadroniert, die den jungen Heidegger – "vor die Alternative Religion oder Humanismus gestellt" – erfaßt habe und aus der er sich nur durch den Gang nach Freiburg habe retten können (tatsächlich war das Heidegger angebotene Stipendium schlicht an den Studienort Freiburg gebunden).