Von Ernst Weisenfeld

Lange Jahre hat Ernst Weisenfeld – auch für die ZEIT – aus Frankreich berichtet und mit Behutsamkeit und Beharrlichkeit das Nachbarland verbaut gemacht. Anfang Januar, wenige Monate nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag, wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Außenminister Genscher überreichte es ihm auf einem Empfang in Paris. Wir drucken, leicht gekürzt, die Ansprache, de Weisenfeld bei dieser Gelegenheit vor französischen und deutschen Freunden hielt.

Ich bin nicht der erste, bei dem eine intensive Beschäftigung mit Frankreich ein Engagement in der deutschen Frage zur Folge hätte. Sie, meine französischen Freunde, fordern so etwas wohl heraus. Bei mir war es aber auch vorgeprägt. Meine Studienjahre führten mich nach Südosteuropa und, als Historiker, ins alte Österreich. Dort, im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, fand ich eines Tages ein Aktenstück aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts von der Art, die jeder junge Forscher als Glücksfall empfindet: Es handelte sich um eine Aktion des Pressebüros der Regierung mit dem Ziel, bei maßgebenden deutschen Zeitungen Argumente gegen den Gedanken eines deutschen Nationalstaats, also gegen die spätere Reichsgründung, unterzubringen.

Das Büro hatte Zeitungen wie das Hamburger Fremdenblatt, die Leipziger Neuesten Nachrichten, große Zeitungen in München und Stuttgart und einigen anderen Städten für die Wiedergabe und Diskussion der Wiener Argumente gewinnen können. Die Wiener Argumente waren im Kern diese: "Warum wollt Ihr einen Nationalstaat? Sind Euch die Folgen klar? Ihr vollzieht eine Trennung zwischen Euch und uns Deutschen hier im österreichischen Kaiserreich, das ein Vielvölkerstaat ist, der auf einem empfindlichen Gleichgewicht beruht. Wenn wir uns trennen müssen, kommt dieses Gleichgewicht in Gefahr, aber auch Euch werden Gleichgewichtsprobleme bedrängen. Geht nicht diesen Weg – unsere gemeinsame Zukunft liegt nicht in staatlichen Lösungen, sondern in der Bildung eines großen einheitlichen Wirtschaftsraums zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer."

Seit der Denkschrift, die vor hundertzwanzig Jahren dem deutschen Problem gewidmet war, hat sich in Europa alles anders entwickelt. Die Deutschen haben ihren Nationalstaat bekommen, ebenso die Polen, die Tschechen, die Ungarn, die Rumänen. Die Französische Revolution und ihre Ideen haben sich da wohl unaufhaltsam ausgewirkt. Aber ebenso unaufhaltsam war dann auch die politische Selbstzerstörung dieses Kontinents – die noch andere Gründe und Ursachen hatte, die wir alle kennen.

Nur etwas ist geblieben: die deutsche Frage. Für den einen stellt sie sich noch immer, für den anderen stellt sie sich wieder, jedenfalls stellt sie sich nicht viel anders als damals:

Das deutsche Volk ist auf der Suche nach seiner Identität.