Hätte man das alles schon gesehen, dann gäbe es kein Kino mehr. Gewiß, manchmal brechen Bilder über uns herein, Szenen einer Kollision, eines Flugzeugabsturzes, einer Flugzeugkatastrophe oder Hungersnot, denen wir im Kino noch nie begegnet sind und auch nicht begegnen werden. Aber meistens ist das, was einem von der Leinwand herab ins Auge springt, doch das Erste und Endgültige, der bleibende Schock eines Augenblicks, einer Entdeckung; und an solche Momente erinnern wir uns, wenn wir an Filme denken, gleichgültig, ob sie uns gefallen haben oder nicht: die Szene in der Peepshow in "Paris, Texas", der Hubschrauberangriff in "Apocalypse Now", die imperialen Raumkreuzer in "Krieg der Sterne", der Bauch des Mädchens in Je vous salue, Marie". Natürlich fällt es dem Kino am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts immer schwerer, der von so vielen Medien gejagten Realität solche Augenblicke noch abzutrotzen, sie in ihr aufzuspüren; aber auf einmal, in irgendeinem Film, irgendeiner kleinen Geschichte, kommt es wieder zum Vorschein: das Unvorhergesehene, das Unerwartete, das Nochniegesehene.

Zum Beispiel dies: Ein Raum in einem Gefängnis. Der Henker kommt. Er legt sein Jackett ab und hängt es über einen Haken. Er zieht die Gardine beiseite, hinter der der Galgen steht. Er prüft den Strick, indem er die Schlinge langsam nach unten zieht. Er holt ein Kännchen hervor und ölt die Winde, auf die der Strick gewickelt ist. Er öffnet die Fallklappe, über der der Strick hängt, und legt eine große Plastikwanne in den Hohlraum. Er schließt die Klappe. Jemand kommt von draußen herein. "Der Vorhang klemmt", sagt der Henker.

Eine Minute Film. Eine Minute aus Krzystof Kieslowskis "Kurzem Film über das Toten", der im vergangenen Dezember in Berlin den ersten Europäischen Filmpreis gewann. Das Galapublikum, das einen netteren, angenehmeren und irgendwie "repräsentativen" Preisträger erwartet hatte, fiel aus allen Wolken. Die Kritiker auch. Mit der Verleihung des "Euro-Oscars" an Kieslowski hat die Jury weniger seinen Film als vielmehr ihren eigenen Preis aufgewertet.

Europa also. Und Polen. Merkwürdig nur, daß in Berlin und Cannes (wo der Film den Spezialpreis der Jury bekam) die meisten noch nie etwas von Kieslowski gehört, geschweige denn gesehen hatten. Merkwürdig auch der Titel: "Ein kurzer Film über das Töten". Kann man denn einen ganzen Film lang nur davon erzählen, wie ein Mensch erschlagen und ein anderer aufgehängt wird? Umgekehrt: Handelt nicht jeder amerikanische Thriller, jeder Detektiv- und Horrorfilm vom Töten und Getötetwerden?

Was sich in einer Minute Film erzählen läßt, haben wir gesehen. Es ist klar, daß nicht der gesamte "Kurze Film" (er ist 84 Minuten lang) aus solchen Szenen bestehen kann. Damit sie möglich werden, muß etwas in Gang kommen. Eine Bewegung. Eine Geschichte.

Es geschieht, wie wir später erfahren werden, an einem Apriltag in Warschau, im Jahr 1987. Drei Personen bewegen sich quer durch die Stadt aufeinander zu. Der eine, ein älterer ‚Mann mit Bauch und Halbglatze, tritt aus dem Eingang eines Wohnblocks in einer Vorortsiedlung und fängt an, seinen Wagen, ein Taxi, zu polieren. Der zweite, ein Junge mit blondem Haar, geht in ein Kino und erkundigt sich nach dem Film, der drinnen läuft. "Wovon handelt er?" "Liebe. Aber er ist langweilig." Der dritte Mann, ein korrekt gescheitelten Jurastudent, macht gerade seine Anwaltsprüfung. Seit Kain und Abel, erklärt er den Prüfern, habe noch keine Strafe ein Verbrechen verbinden.

Aber nicht so hat der Film eigentlich angefangen. Sondern mit aufgeregten Kinderstimmen, Käfern, die über eine Brothälfte kriechen, einer toten Ratte, einer Zigarettenschachtel in einer Pfütze, einer Katze, die an einer Wäschestange aufgehängt ist, und Kindern, Kinderstimmen, die sich entfernen. Mordlust, Qual und Verwesung. Ein Schleier ist über die Bilder gezogen, hat sie grün und braun eingedunkelt und zur Hälfte ausgelöscht. Der "Kurze Film" ist mit vierzig verschiedenen Farbfiltern aufgenommen, die der Kameramann Slawomir Idziak von Hand gemalt hat. Die Filter haben etwa den gleichen Effekt wie die tonlosen, von allem adjektivischen Schmuckwerk gereinigten Beschreibungen in Kafkas Prosa. Sie nehmen dem Film, was dem Kinozuschauer teuer ist: die Hoffnung.