Die spanische Tageszeitung El País ist oft als Symbol für den Wandel der Diktatur zur Demokratie gefeiert worden. Die Geschichte dieses einflußreichsten Presseorgans Spaniens begann als El País in den Katakomben". Bereits im Jahre 1972, drei Jahre vor Francos Tod, trafen sich in Madrid Schriftsteller, Journalisten und unabhängige Intellektuelle, um über das Projekt einer überregionalen Tageszeitung nachzudenken. Der kühne Wunsch der damaligen El País-Sponsoren, schon im Niedergang des alten Franco-Regimes ein unabhängiges, kritisches Oppositionsblatt zu gründen, stieß auf viel Skepsis und Ablehnung – ein Glück für die Zeitung, die im Gegensatz zu ihren Konkurrenzblättern ABC oder La Vanguardta nie mit dem Odium behaftet war, mit den alten Mächten paktiert zu haben.

El País heißt "das Land" – so weit, offen und überschaubar wie Spaniens Ebenen sollte diese Zeitung sein. Mit klaren publizistischen Grundsätzen wollten sich ihre Macher von der nationalistisch-provinziellen Enge der Franco-Zeit absetzen. Im Namen El País steckte auch das Postulat der ruhigen, angemessenen Betrachtung: "Das Land", seit dem Ende des Bürgerkrieges in Sieger und Besiegte geteilt, sollte allen Spaniern gehören, gleich, welcher politischen Couleur sie zuzurechnen waren oder aus welcher Region des Landes sie kamen.

Der Titel signalisierte, daß die kritischen, auf Wandel und Wechsel setzenden Redakteure nicht mehr über jene verhängnisvolle Zweiteilung des Landes, über las dos Espanas berichten wollten. Schon im ersten Satz seines ersten Leitartikels in der El País-Ausgabe vom 4. Mai 1976 zitierte der damalige Chefredakteur Juan Luis Cebrian das Wort convivencia espanola, was Zusammen- oder Miteinanderleben bedeutet. Es war ein großes Verdienst dieser Zeitung, daß sie von Anfang an nicht lauthals den Bruch mit der Vergangenheit forderte, sondern für eine "Liberalisierung des Franco-Regimes" plädierte.

"Die Reform der Macht ist gescheitert, weil sie niemals ernstgemeint war", schrieb Cebrian. Der Satz klang wie ein Peitschenhieb – und er war Aufforderung an die Leser, an die Kraft des demokratischen Neubeginns und an die Möglichkeit friedlichen Wandels zu glauben. Was Propaganda war, welche Macht eine doktrinäre, vom staatlichen Zensor gezügelte Publizistik darstellen konnte, hatten jene gut vierhundert Anwälte, Professoren, Schriftsteller und Kaufleute jahrzehntelang erfahren müssen, die sich in der Prísa zusammengeschlossen hatten. Diese Aktiengesellschaft der Herausgeber sollte das neue Blatt finanzieren.

Die Freiheit der Presse sollte zunächst einmal darin bestehen, nicht nur ein kommerzielles Gewerbe zu betreiben – bis heute gilt die Regel, daß keiner der El País-Aktionäre über mehr als fünf Prozent des gesamten Aktienkapitals verfügen darf. Liegt das Erfolgsgeheimnis dieser Zeitung darin, daß sie sich wirklich frei von politischen, ökonomischen und konfessionellen Zwängen entwickelt hat, daß es ihr bis heute gelungen ist, "allen Tendenzen, mit Ausnahme der Gewalt", Raum zu geben, wie es im Statut heißt? Mit sicherem Gespür für die Neugierde und das Informationsbedürfnis seiner Leser hat El País rasch und konsequent mit fast allen Tabus gebrochen, die bis zum Ende des Jahres 1975 für eine langweilige, offiziös gegängelte Presse verbindlich waren.

Bis heute widmet das Blatt seine ersten Seiten nicht der nationalen, sondern der internationalen Berichterstattung. Ein gut ausgebautes Korrespondenten-Netz sorgt dafür, daß der Leser über Ereignisse in den Vereinigten Staaten, in Lateinamerika, in Japan, oder in den Ländern West- und Osteuropas weit ausführlicher und schneller informiert wird als von vergleichbaren deutschen Zeitungen, die oft schon mit dem verlängerten Redaktionsschluß dieses Blattes (zwei Uhr morgens nicht mithalten können.

Wie sehr das Prinzip "Meinung und Diskussion" in diesem überregionalen Medium gepflegt wird, zeigt die Plazierung der Rubriken Opinion und Tribuna libre: Der prononcierte, meist im prägnanten Stil geschriebene Kommentar und die kluge Kolumne aus renommierter Feder rangieren noch vor der Sparte "Innenpolitik", die meist auf Seite zwölf beginnt. Diese seit der ersten Nummer eisern durchgehaltene Dramaturgie beweist, daß man mit dem öden Verlautbarungs-Journalismus der Franco-Zeit Schluß machen wollte.