Der gute Wille beeindruckt immer wieder, mit dem die Amerikaner einem neuen Präsidenten begegnen. Welche Schwächen wurden George Bush nicht seit Jahren angekreidet, wie viele Blößen hat er sich noch im Wahlkampf gegeben? Nun trägt er die Würde und Bürde des hohen Amtes, und ihm wird erst einmal alles nachgesehen. In dieser Haltung offenbart sich die Gelassenheit einer erfahrenen Demokratie und der Großmut ihrer Bürger.

Mit trefflichem Gespür hat Bush die Basis der Zustimmung gefestigt. Die ausgestreckte Hand als Symbol seines Anfangs greift nicht ins Leere. Alle, die sich von Reagan vernachlässigt fühlen, sehen sich jetzt angesprochen: die Schwarzen wie die Obdachlosen, die Umweltschützer wie die Führer des Kongresses. Der Meister der Kommunikation hat – vorerst – einen würdigen Nachfolger gefunden.

Nach den Gesten werden nun Taten erwartet. Innenpolitisch drängt sich die Verlangsamung des Verschuldungstempos als überragende Priorität auf; hier hat der 41. Präsident die härteste Nuß zu knacken. Außenpolitisch sollten die Abrüstung und ein vertieftes Verhältnis zur anderen Supermacht Vorrang haben. Doch wie ernst meint es Bush mit der versprochenen Fortsetzung "der neuen Nähe zur Sowjetunion"? Kommentare aus seiner Umgebung lassen Zaudern und Zögern befürchten. Zwar wird jetzt niemand ein außenpolitisches Sofortprogramm verlangen. Aber wenn die verlautbarte Bestandsaufnahme sich als bloßes Mauern entpuppen sollte, wäre eine Chance für den Weltfrieden vertan.

Ronald Reagan trat anfangs als muskelprotzender Herausforderer der Sowjets auf die Präsidentenbühne. George Bush muß und darf diese Rolle nicht spielen. Seine ausgestreckte Hand sollte nicht bloß zu Hause über politische Barrieren, sondern draußen auch über ideologische Gräben reichen. D.B.