Von Dietrich Wetzel

Wissenschaft und Forschung sind Investitionen für die Zukunft!" – hinter dieser Parole aller Wissenschafts- und Forschungminister lauert der brutale Ökonomismus. Geld kriegt, was schnelles Geld verspricht. Andere, die mit dem Fluch späterer Geburt belastet sind, sollen sich um die Folgekosten kümmern. Technischer Fortschritt hat seinen Preis und sei’s drum, daß er wie ein Blizzard die evolutionsgeschichtlich entstandene Arten Vielfalt unwiederbringlich verheert, Nach uns die Sintflut.

Das Wissenschaftssystem und in ihm die Hochschulen – sind sie nur noch dem Staat und der Industrie hörig? Die Kriterien jedenfalls, nach denen sie von außen gesteuert werden, sprechen dafür. Je relevanter für Wirtschaftswachstum und Weltmarktkonkurrenz, umso größer der Brocken. In die Weltraumforschung werden 25 Milliarden gesteckt, die toxikologische Forschung zur Emgiftungder Industrie erhält Kleckerbeträge. Sogenannte Schlüsselwissenschaften wie Materialwissenschaft,Biotechnologie und Informatik florierenmit staatlichen Aufputschmitteln, während die ökologischen und sozialwissenschaftlichen Komponenten einer Technikfolgenabschätzung mitsymbolischen Betragen abgespeist werden. Wennes überhaupt so etwas wie eine Leitzentrale derwestdeutschen Hochschul- und Forschungsentwicklung gibt, dann sitzt sie in Japan. Die Technopolis des japanischen IndustrieministeriumsMITI ist Vorbild. In trister Eintönigkeit werdendessen Blaupausen für High-Tech abgekupfert.

Überall die gleichen Schwerpunkte. Kein Bundesland mit unkonventionellen Ambitionen.

Eine Generation wird betrogen

Der wissenschaftliche Ökonomismus treibt die Hochschulen in den chronischen, die allerorten diskutierte "Überlast" treibt sie in den akuten Ruin. Seit 1978 hat sich die Zahl der Studierenden um 70 Prozent auf heute 1,5 Millionen erhöht Im selben Zeitraum ist der Bestand an wissenschaftlichem Personal – Kliniken ausgenommen – sogar verringert worden. Mit anderen Worten: Eine ganze Studentengeneration wird heute um die wissenschaftliche Ausbildung und Betreuung betrogen; die Lehre, das Prüfungswesen und die Forschung in Überlastbereichen werden zur bloßen Farce. Nicht schöne Hochschulautonomie, sondern Mängelverwaltung, wohin man schaut.

Auch die Kritiker der herrschenden Wissenschaftspolitik müssen sich zunächst einmal mit diesen aktuellen Engpässen herumplagen. Doch bereits in der An und Weise, in der die Tagesprobleme der Hochschulen angegangen werden, Sonnen weiterführende Reformstrategien vorbereitet werden.