ARD, 16-, 17. 18., 19. Januar: "Berlin. – Ecke Bundesplatz"

Wer und wie ist das Volk? Breite Masse, zweite Klasse, wach oder dumpf, gewitzt oder Rindvieh? Man weiß es nicht und wird es nie erfahren, weil es das Volk nicht gibt. Schaut man genauer zu, gewahrt man einen Haufen Käuze, jeder für sich ein Einziger, mit oder ohne Eigentum, und keineswegs ein Stück Masse. Doch die Summe all dieser Individualisten – sie ist dann doch das Volk. Es hat sogar eine Adresse. Beispielsweise Berlin-Wilmersdorf.

Als Mikrophon und Kamera erfunden worden waren, erhofften sich manche neuen Aufschluß über das Volk, dieses beunruhigende Phänomen zwischen Massivität und Metapher, Politikum und Phase, Kein Instrument schien so gut geeignet, den empirischen Beweis für die Existenz des Volkes beizubringen und ihnen, den Leuten, aufs Maul zu schauen, wie die Filmtechnik. Die Pionierjahre dieser neuen Kunst aus Licht und Schatten waren auch die große Zeit des Dokumentarfilms. Doch später interessierte man sich für das Volk mehr in seiner Eigenschaft als Massenrezipient von Film wäre denn als Objekt des Objektivs. Wenn das Volk heute noch vor die Kamera darf, dann zum Zwecke der raschen Verwertung bei Umfragen oder Laienspektakeln. Sich dokumentarisch mit ihm zu befassen, wurde selten – es ist aufwendig und rentiert sich womöglich erst übermorgen. Um so bemerkenswerter, wenn sich nun doch ein Filmteam aufmacht, das Volk zu fangen, das von Wilmersdorf, und zwar in der anspruchsvollen Projektform der Langzeitstudie.

Detlev Gumm und Hans-Georg Ullrich wollen den Kiez und seine Charaktere bis ins nächste Jahrtausend hinein begleiten, ein prototypisches Abbild schaffen von einem Quartier im kleinbürgerlichen Berliner Süden. Ob das klappt, was dabei herauskommt, weiß noch niemand, aber die Zeichen stehen, dank der klugen Strategie von Gumm und Ullrich, nicht schlecht. Die ersten vier Folgen versprechen ein Dokument von Rang.

Was Gumm und Ullrich leisten mußten, war dies: "Volks"-Vertreter finden, bei denen das Besondere das Exemplarische nicht ausschließt und bei denen die Bereitschaft, ein Fernsehteam in ihren Alltag einzubauen, die Aktion vor der Kamera weder zur sturen Routine noch zur stets erneuerten Aufregung werden läßt. Mit der Krankenschwester Marina, alleinerziehende Mutter zweier kleiner Mädchen, mit Familie Köpcke, Vater Komponist und freier Trauerredner, Mutter Ex-Tänzerin, mit der neunzigjährigen Frau Tomaschewski, die nur eins fürchtet: alt zu werden, und mit dem bildhübschen Schornsteinfegermeister Michael ist ihnen das auf wunderbare Weise gelungen.

"Tu so, als wären wir gar nicht da", sagen die Filmer zu Michael, als der sich langsam umkleidet. Sie tun tatsächlich so – und wir sehen, aus was für Käuzen das Volk gebacken ist. Wir sehen es in einer Unmittelbarkeit, die nur die Dokumentarfilmkamera zu produzieren vermag.

Ist sie denn anders? O ja, sie wird von Geduld, Gründlichkeit und der Absicht, ihr Objekt wirklich kennenzulernen, bewegt. Im Falle "Berlin – Ecke Bundesplatz" kommt ein Treueschwur hinzu. Man wird einander mehrmals jährlich wiedersehen, Volk und Filmer werden älter werden und es dennoch miteinander aushalten. Schon in den ersten Folgen ist deutlich zu sehen, wie anders, wie gesammelt, stolz und wesentlich Laien vor der Kamera agieren, wenn sie wissen: Das ist nicht zum Vergessen gemacht, das ist ernst gemeint und soll dauern.

Barbara Sichtermann