Tatort Sporthalle. Einer knallt krachend gegen die Bande, und 10 000 Zuschauer sind hautnah dabei. Und wenn es der Zufall will, dann holt sich der gegen die Bande geschleuderte Spieler seinen Bänderriß just vor jener Reklametafel, auf der Gesundheit versprochen wird, falls man sich für ein bestimmtes Getränk entschließt.

Hallenfußball zwischen Hin- und Rückrunde der Bundesliga. Was als schöne Schau die Winterpause überbrücken sollte, ist längst zu einem gefährlichen Unfug geworden. Immer häufiger müssen die Ärzte an die Bande, diagnostizieren dann einen Bänderriß. Oder einen Wadenbeinbruch. Oder einen Bruch des Mittelfußes. Oder einen Meniskusschaden, Oder einen Muskelfaserriß. Alle diese Verletzungen sind in der laufenden Hallen-Spielzeit tatsächlich vorgekommen. Und das bei einer Spielerei, mit der man den Zuschauern eigentlich nur zeigen wollte, wie schön Fußball sein kann, wenn es um nichts geht.

Aber es geht um was, es geht ums Geld. Am 27. und 28. Januar findet als Höhepunkt in der Dortmunder Westfalenhalle das sogenannte "Hallen-Masters um den ARD-Cup" statt. Für den Sieger sind 120 000 Mark ausgesetzt, genug, um aus Spiel Ernst werden zu lassen.

Die Veranstalter haben volle Kasse. Aber die Trainer klagen über die Ausfälle, die sie zu verkraften haben werden, wenn die Rückrunde beginnt. Die Verletzungsmisere, die sich kaum ein Verein leisten kann, rührt daher, daß nun auch in der Halle "Kraft" vor "Technik" geht.

Gewiß, die Zeiten sind schlecht. Dem deutschen Fußball fehlen die Zuschauer und damit die Einnahmen; und auch die Winterpause ist nicht mehr das, was sie einmal war. Sie kommt fast immer zum falschen Zeitpunkt, jetzt, da man noch draußen hätte spielen können, findet man sich in der Halle und serviert dem Publikum eine Art Fußball in Dosen. Dabei wird Enge zum Problem.

Fußball unter freiem Himmel und Fußball in der Halle, das sind verschiedene Paar Schuhe. Frank Neubarth zum Beispiel, der 1,90 Meter große Torjäger des SV Werder Bremen, gilt als untauglich für die Halle. Sein 39jähriger Mannschafts-Kollege Manfred Burgsmüller ist dagegen ein Star unter den Hallen-Kickern. Beim Beginn der Rückrunde aber kann Trainer Otto Rehagel eher auf Burgsmüller als auf Neubarth verzichten. Was zeigt: Hallenturniere sind als Vorbereitung für das "richtige" Spiel denkbar schlecht geeignet.

Der "richtige" Fußball bewegt sich im Spannungsfeld zwischen taktischer Ordnung und spielerischem Freiraum. Der weite Paß über fünfzig Meter, der den Mitspieler haargenau erreicht, kann die Leute von den Sitzen reißen. Bei den Hallenturnieren aber ist die gesamte Spielfläche nicht viel länger als fünfzig Meter. Der "weite Paß" ist also Utopie, "Klein-Klein" ist gefragt. Und so hat ein Spieler, der sich in der Halle auf den engen Raum eingestellt hat, nicht selten Schwierigkeiten, wenn sich ihm auf dem Rasen wieder ganz andere Dimensionen öffnen.

Gerhard Seehase