Von Ulrich Schiller

Washington, im Januar

Plötzlich ging dann alles sehr schnell. Die Zeremonie, der über Wochen kunstvoll zu dramatischer Höhe stilisierte Augenblick der Amtsübergabe auf der Westseite des Kapitols, war kaum vorbei, da bestieg der neue Expräsident schon den auf der Ostseite wartenden Hubschrauber, um dem neuen Präsidenten auch optisch das Feld zu überlassen. Ein nachdenklicher Blick noch auf den Nachfolger, dann legte Ronald Reagan die Hand zum militärischen Gruß an die Stirn – stramm, wie er das so gern getan hatte. George Bush, der den Zweiten Weltkrieg nicht von ferne oder in Hollywood erlebt, sondern am eigenen Leibe verspürt hatte, antwortete in gleicher Weise.

Das war die Wachablösung, das war der Abschied. Während der Hubschrauber mit Ronald und Nancy Reagan zu einer nostalgischen Stadtrunde abhob, spurtete George Bush energisch und nur noch vorwärts blickend schon die Treppe hinauf zum Lunch mit der Führung des Kongresses. Ihm folgten zwar Frau Barbara und das Vizepräsidenten-Ehepaar Quayle, doch erstmals und endlich trat er nun in eigener Regie als "Mr. President" auf.

Die Aufgabe, den Machtwechsel mit Takt zu arrangieren, war nicht einfach gewesen. Schließlich hatte Ronald Reagan seinem Nachfolger den Weg ins Weiße Haus entscheidend geebnet, räumte Reagan das Oval Office bei ungewöhnlich hoher Popularität. George Bush wollte deshalb weder undankbar erscheinen, noch wollte er öffentlich Kritik am Werk des Vorgängers üben. Dennoch sollte klar werden, daß die nächste Amtsperiode den Stempel "Bush I" und nicht "Reagan III" tragen, daß sie Kurskorrekturen – keinen grundsätzlichen Kurswechsel – und einen anderen Regierungsstil bringen würde.

Mit Bedacht stellte Bush den Dank an Ronald Reagan "für die wunderbaren Dinge, die Sie für Amerika getan haben", ganz an den Anfang seiner Inaugurationsrede, um schon wenig später ausholen zu können: "Meine Freunde, wir haben sehr viel Arbeit." Dann folgte die Liste mit den nachgelassenen Problemen: die Obdachlosen, die Kinder ohne ein Zuhause, die Drogenabhängigen, die Demoralisierung in den Slums, die Kriminalität auf den Straßen und der Materialismus in der Seele Amerikas. "Wir sind nicht die Summe unserer Besitztümer", mahnte der neue Präsident und appellierte zum ersten Mal nach acht Jahren Reagan an die soziale Moral, an das soziale Gewissen der Amerikaner.

Damit war freilich auch hinreichend klargestellt, daß die Ursachen für die sozialen Übel weniger in Versäumnissen der Regierung als im Fehlverhalten des einzelnen und der Gemeinschaft lägen und in erster Linie ein "neues Engagement", ein "neuer Aktivismus" der Bürger die Nöte der Mitmenschen lindern müßten. Bush baut darauf, daß das Reservoir freiwilliger Sozialhelfer – seine "tausend Lichtpunkte" – noch lange nicht erschöpft sei, was nicht wenige stark bezweifeln. Als Konservativer im wahrsten Sinne des Wortes will er alte Tugenden wiederbeleben. Trotz des gigantischen Umfanges der sozialen Probleme erwähnte er die Notwendigkeit staatlicher Fürsorge nicht einmal. Dennoch hat der neue Präsident für seinen Appell an Gemeinsinn und Verantwortung starken Beifall bekommen, von den Demokraten im Kongreß genauso wie von den Liberalen in der Presse. Demgegenüber empfand das rechtsgerichtete Kolumnistengespann Evans/Novak die Inaugurationsrede als ungewöhnlich dünn und blutlos. Bush hatte allerdings auf alles nationalistische und antikommunistische Getöse im Stil der ersten Reaganjahre verzichtet und den Diktatoren dieser Erde, den linken wie den rechten, das Ende ihrer Tage prophezeit.