Die Kinogänger, die Jack Nicholson beim "Flug über das Kuckucksnest" erlebten, lernten in diesem Film eine längst vergessen geglaubte, sehr brutale psychiatrische Behandlungsmaßnahme kennen: die Lobotomie.

Zur Erinnerung: Jack Nicholson spielt den liebenswetten, warmherzigen Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses in den USA. Er ist phantasievoll und will mit seinen Ideen die Behandlung der psychisch Kranken menschlicher gestalten. Der Konflikt ist programmiert mit dem in alten Methoden befangenen Direktor der Klinik. Um Jack Nicholson "ruhig zu stellen" wird er einer Lobotomie unterworfen.

Die Lobotomie ist aus der Folterkammer der Psychiatrie wieder in der Realität aufgetaucht. Der griechische Hirnchirurg Dimitris Voujouklakis wollte zwei junge Frauen von ihrer Heroinsucht heilen. Psychotherapie, Entzugsmaßnahmen, gar nichts habe geholfen. Im November 1988 nahm der Arzt den technisch nicht schwierigen Eingriff vor. Die jungen Frauen sagen, sie seien nun geheilt. Sie sind bereit, sich jedem Drogenscreening zu stellen und danken ihrem Arzt die Rettung. Ein Freund von ihnen aber hat den Chirurgen jetzt verklagt, und die griechische Ärztevereinigung ist entsetzt über den Eingriff ihres Kollegen. Sind die Frauen gerettet? Vielleicht vom Heroin, aber sie haben einen hohen Preis gezahlt. Lobotomie — das hört sich so schön medizinisch glatt an, es kommt ja auch aus dem Griechischen: pen, tomein — schneiden, trennen. Lobotomie (auch Leukotomie genannt) steht für das Durchtrennen der Leitungsbahnen zwischen dem Thalamus und dem Stirnhirn in der Nähe des sogenannten Marklagers. Im Stirnhirn sind unsere psycho sozialen Funktionen programmiert, durch trennt man die Stirnhirnbahnen vom Stammhirn zu den übrigen Hirnregionen, so legt man auch jene "Schaltungen" lahm, die unser soziales Verhalten regeln. Die Lobotomie bedingt also eine schwere Wesensveränderung. In Lehrbüchern der Psychiatrie wird sie als Entdifferenzierung der Persönlichkeit beschrieben, Gleichgültigkeit und Eithemmung sind die Folge. Die so Behandelten lesen in stumpf heiterer Seelenverfassung, ohne Wünsche, ohne Ziele.

Für die Erfindung der Lobotomie im Jahre 1927 hat der portugiesische Neurologieprofessor Egas JMoniz später den Nobelpreis erhalten. In den Vsreinigten Staaten wurde sie häufiger vorgenommen als in Europa, in der Bundesrepublik seit der Mitte der fünfziger Jahre kaum noch durchgefthrt. Die Entwicklung der Psychopharmaka hat die chirurgische Behandlung der chronisch Geisteskranken abgelöst.

Moniz und seine Schüler, so heißt es, hätten die LDbotomie bei der Behandlung sehr schwerer Schizophrenien eingesetzt, wenn Patienten sich selbst zerstören, von Verfolgungswahn und Ängsten gepeinigt werden. Von diesen Ängsten wurden sie tatsächlich befreit, aber auch unwiederbringlich von ihrer Persönlichkeit und ihren Eigenarten.

Um vom Heroin freizukommen, gibt es andere Methoden. Zum Beispiel den Ersatz durch Methadon oder Codein. Zumindest in einigen Fällen. Auch Methadon verspricht keine völlige Heilung von der Sucht, aber die Behandlung ist menschlicher. Schon der harte Drogenentzug, das Abstinenzparadigma der Suchtspezialisten, streift ja die Grenze zur Unmenschlichkeit; von der Lobotomie ganz zu schweigen. Hans Harald Bräutigam