Hannoversch Münden

Günter Schmidt wohnt beneidenswert: auf einem ehemaligen Klostergut an der Weser bei Hannoversch Münden, umgeben von Feldern, Wald und Wiesen. Der 40jährige Tierpräparator und Landwirt möchte deshalb auch mit keinem Menschen tauschen. "Aber allmählich kriege ich Magengeschwüre", sagt er. Zu oft bekomme er ungebetenen Besuch. Mehrmals im Jahr zieht die Bundeswehr nebenan ins Gefecht, und die Übungen gehen ihm auf die Nerven.

Direkt neben dem Anwesen verkehrte früher eine Fähre; über ihre alten Auffahrtrampen durchqueren jetzt Panzereinheiten die Weser. Da kann es geschehen, daß ein Panzer quer über Schmidts Weiden rasselt, ein Zaun oder ein Tor aufgebrochen wird oder seine Ziegen durch explodierende Übungsmunition in Panik geraten.

Gutsherr Schmidt, ein ehemaliger Boxer, ist in solchen Fällen nicht zimperlich. Zweimal schon wurde er angeklagt, weil er handgreiflich geworden war. Das erste Mal hatte sich ein Schwimmpanzer in der Weser festgefahren. Um ihn zu bergen, sollte ein weiterer Panzer über eine Schmidtsche Wiese fahren. Der Gutsherr schildert den Fall so: Die Soldaten hätten mit einem Bolzenschneider das Weidetor und zwei Stacheldrähte geöffnet. Als er sie zur Rede stellen wollte, sei er wegen seiner langen Haare und seines Bartes "Jesus" und "Weihnachtsmann" genannt worden. "Weil das schon so oft passiert ist, konnte ich nicht mehr an mich halten und habe zugeschlagen", sagt er. Daraus entwickelte sich eine größere Rauferei: Dabei biß der Hund des Gutsherrn einen Soldaten. Der Unteroffizier kam blutend ins Krankenhaus und Günter Schmidt wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Gegen 300 Mark Geldbuße wurde das Verfahren eingestellt. Der Mündener Amtsrichter vermerkte in den Akten, daß Schmidt wohl berechtigt gewesen sei, das Befahren seines Grundstückes abzuwehren. Allerdings habe er sein Notwehrrecht vermutlich im Übermaß ausgeübt.

Der zweite Fall: Bei einer Übung am Rande einer Ziegenweide warf ein Oberfeldwebel mit Knallkörpern, um ein Gefecht zu simulieren. Laut Zeugenaussagen geriet dadurch Schmidts Ziegenherde in Panik, was der Soldat allerdings nicht gesehen haben will (sein Anwalt: Er habe "lediglich seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt und seine Befehle ausgeführt"). Eines der Tiere erlitt später eine Totgeburt. Als der Oberfeldwebel seine Wurfübungen nicht einstellen wollte (Schmidts Anwalt: "Immerhin standen noch drei andere Himmelsrichtungen zur Verfügung"), beschimpfte der Gutsherr den Soldaten mit Fäkalausdrücken. Außerdem soll er ihn geschlagen haben, was Schmidt allerdings bestreitet. Auch dieses Verfahren endete mit einer Einstellung wegen Geringfügigkeit, diesmal gegen 350 Mark Geldbuße. Der Soldat klagt inzwischen zusätzlich auf Zahlung eines Schmerzensgeldes.

Schmidt hat mittlerweile das Gefühl, daß sich einige Soldaten "einen Spaß daraus machen, bei mir öfter mal ein bißchen Zirkus zu veranstalten". Da würden mitten in der Nacht Leuchtpatronen quer über den Gutshof geschossen, oder die Besatzung eines Jeeps komme morgens um sieben vor das Hoftor gefahren und pinkele in die Toreinfahrt. Wenn er dagegen protestiere, bekomme er zu hören: "Wieso, stört Sie das?"

Beschwert sich der Gutsherr bei der Polizei, der Bundeswehr oder dem Göttinger Oberkreisdirektor, bekommt er zu hören: "Wir brauchen Namen." Aber die Soldaten zu identifizieren, ist ihm bisher (mit Ausnahme der beiden aktenkundig gewordenen Fälle, bei denen allerdings er selbst und nicht die Soldaten vor Gericht standen) nie gelungen: "Die verweisen auf irgendwelche Vorgesetzte auf der anderen Weser-Seite oder setzen sich einfach ins Schlauchboot und sind weg."