Von Rolf Zundel

Was lange nur ein Thema für engagierte Umweltschützer und einige Spezialisten war, hat inzwischen die politische Beletage erreicht: Minister Schneider kündigte an, daß künftig in Bundesbauten kein Tropenholz mehr verwendet werden soll. Die Ankündigung ist zwar eine eher späte und kümmerliche Geste, aber sie lenkt den Blick auf einen Bewußtseinswandel. Die Bundesregierung, der Kanzler an der Spitze, spricht seit einiger Zeit fließend von der Sorge um die Tropenwälder und vom ökologischen Schwerpunkt der Entwicklungspolitik. Die ungute Ahnung ist zur Gewißheit geworden: Hier ist ein Problem herangewachsen, demgegenüber die üblichen Kontroversen, die uns Tag für Tag beschäftigen, ziemlich verblassen.

Der tropische Regenwald stirbt. Jedes Jahr wird ein Areal weit größer als die Bundesrepublik abgeholzt, verbrannt zumeist. Und die Geschwindigkeit des Raubbaus wächst. Hunderttausende von Arten, unschätzbare Ressourcen werden auf immer zerstört. Die Bewohner der Gebiete werden entwurzelt, Völkermord für den Fortschritt wird in Kauf genommen. Die Folgen für das Klima in den Regionen und weltweit (Treibhaus-Effekt) sind katastrophal. Diese Gefahr vor allem hat die Wahrnehmung geschärft: Der exportierte technische und ökonomische Fortschritt kehrt als ökologische Belastung zurück. Diese Erkenntnis macht allerdings die Konfliktlage noch schwieriger.

  • Ein neuer Zielkonflikt entsteht: Wird die industrielle Entwicklungshilfe radikal zugunsten der Ökologie umgesteuert, kann sich die soziale und politische Situation in Entwicklungsländern so verschlechtern, daß die Politiker, selbst wenn sie es wollten, nicht mehr in der Lage wären, ökologische Einsicht durchzusetzen. Und manche wollen es nicht; der Raubbau verschafft ihnen vorübergehend politische Entlastung.
  • Der Souveränitätskonflikt verschärft sich. Wenn die Industrienationen ihre Umwelt-Forderungen durchdrücken, ist das ein weiterer Eingriff in die Souveränität der Entwicklungsländer. Der Vorwurf des Neokolonialismus ist schnell bei der Hand.
  • Das moralische Dilemma wird noch deutlicher. Woher, so wird in den Entwicklungsländern gefragt, nehmen die Nationen, die ohne ökologische Bedenken ihre industrielle Macht aufgebaut haben, das Recht, uns dies zu verweigern? Sind wir dazu verdammt, das ökologische Polster für ihre Verschwendungswirtschaft zu liefern?

Der Weg von der Erkenntnis des Problems zu seiner Lösung ist also mit Schwierigkeiten gepflastert. Da ist es auch nicht erstaunlich, daß über den Weg gestritten wird. Die erste Notwendigkeit besteht darin – im Prinzip, wenn auch nicht in der Größenordnung sind sich die Parteien da einig –, die Schuldenlast der Entwicklungsländer zu erleichtern. Professor Oberndörfer, dessen Gutachten in einer Schriftenreihe des Bundeskanzleramtes veröffentlicht wurde, schlägt vor, den Schuldenerlaß mit ökologischen Auflagen zu verknüpfen. Die Bundesregierung, die inzwischen bei den Projekten der Entwicklungshilfe eine Umweltverträglichkeitsprüfung eingeführt hat, scheut diese Verbindung; der Schuldenerlaß allein sei schon schwierig genug.

Ganz überzeugend ist ihre Argumentation nicht. Es gibt Politiker in den Entwicklungsländern, und gerade dort, wo die Umweltpolitik ernst genommen wird, die einen solchen Schritt für sinnvoll halten. Natürlich ist es ein Eingriff in Souveränitätsrechte. Aber soll, was bei Krediten zur Industrialisierung selbstverständlich ist, für die Umwelt nicht erlaubt sein? Auf jeden Fall aber werden sich die Industrieländer um eine Kompensation für Leistungen, die der Weltökologie zugute kommen, auf Dauer nicht drücken können. Entwicklungshilfe wird teuer.

Oberndörfer, von der Opposition gerne zitiert, ist in manchen seiner Schlußfolgerungen radikaler als die offizielle Politik. Er fordert zum Beispiel Importverbote für Tropenhölzer; darüber läßt sich mit guten Gründen streiten. Kaum zu bestreiten aber ist seine Feststellung: "Nahezu alle Großprojekte zur Elektrizitätserzeugung wurden in weitem Umfang zu Fehlinvestitionen." Solche Projekte müssen künftig also strenger auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden. Jetzt aber steht ein neuer Kredit für Brasilien für den Bau von Staudämmen zur Diskussion. Die Bundesregierung versucht, gegen massiven Widerstand, ökologische Auflagen durchzusetzen, bisher ohne Erfolg. Die Opposition verlangt kategorisch die Ablehnung des Kredits.

Eine Verweigerung allein ist sicher keine Gewähr dafür, daß die brasilianischen Regenwälder besser geschützt werden; die Ursachen für die Zerstörung sind zu vielfältig. Aber es wäre eine Ermutigung für die wachsende ökologische Bewegung in Brasilien und auch ein Zeichen dafür, daß es die Industrienationen mit der Ökologie ernst meinen – ein Symbol für eine politische Wende.