Von Reinhard Merkel

Bochum

Die Verhandlung am Dienstag, dem 10 Januar, beginnt mit der Verlesung des ersten landgerichtlichen Urteils vom 21 Dezember 1987 Das Bochumer Schwurgericht hat damals die drei Angeklagten als Täter eines versuchten Mordes schuldig gesprochen, zwei von ihnen, Barbara H und Peter P , zu lebenslanger, den dritten, Michael R, zu neunjähriger Haft verurteilt Zehn Monate spater sind die Strafzumessungen vom Bundesgerichtshof aufgehoben und zur Neuverhandlung an die jetzt tagende Schwurgerichtskammer zurückverwiesen worden

Vier Stunden lang zitiert die Stimme des vorlesenden Richters im Ton eines automatischen Anrufbeantworters Gespenst um Gespenst aus dem Pandamonium einer der abstrusesten Kriminalgeschichten Nachkriegsdeutschlands zuruck in den Gerichtssaal

In der Nacht des 30 Juli 1986 verletzte der Angeklagte Michael R die Bochumer Blumenhändlerin Annemarie N mit zwölf Messerstichen schwer Nach monatelangem Schweigen in der Untersuchungshaft schließlich vor Gericht gestellt, begann er am ersten Tag der Hauptverhandlung im Marz 1987 die Hintergrunde seiner Tat zu schildern Er war von den spateren Mitangeklagten Barbara H und Peter P in das Netz einer Wahnwelt aus Trivialmythen, apokalyptischen Dämonien und Erloservisionen eingesponnen und von seiner Liebe zu Barbara dann festgehalten worden Ein urweltliches Ungeheuer, der "Katzenkonig", der im sauerlandischen Möhnesee hause, bedrohe die Menschheit mit Vernichtung Sie, die drei Angeklagten, seien als privilegierte Seelen der untergegangenen Kultur von Atlantis im göttlichen Auftrag zur Rettung der Menschheit auf die Erde zurückgekehrt

Wochenlang betrieb man ein mythologisches Maskenspiel von groteskem Ausmaß allnächtliche Fahrten an den Möhnesee, rituelles Schwimmen als "Opfer"-Angebot an den Katzenkonig, Gebete und trancevermittelte Interaktionen mit versunkenen Geisterwelten auf einem Waldfriedhof in der Nahe des Sees (Auf dem bruchigen Wissensgrund psychiatrischer Gutachten stellte das Schwurgericht spater dezidiert und unplausibel fest, daß nur Michael R die Geschichten geglaubt habe Barbara H und Peter P dagegen hatten ihn als Instrument einer zynischen Belustigung mißbraucht)

Als im Sommer 1986 plötzlich das realistische Motiv der Eifersucht die von Barbara inszenierten Spukwelten kreuzte, begann sie, den Wahn des Michael R in die Logik eines Mordplanes einzufügen Ihr ehemaliger Freund, in Jahren der Trennung nicht aus ihrer Erinnerung verschwunden, hatte geheiratet Seiner Ehefrau, der Blumenhändlerin Annemarie N., wünschte Barbara H in hilflosem Haß den Tod Sie und Peter P , der den Plan durchschaute, erklarten dem Angeklagten Michael R, er müsse zur Rettung der Menschheit die Blumenhändlerin toten als Opfer für den Katzenkonig Vom Abscheu gegen eine solche Tat und seinem bedingungslosen Glauben an ihre Notwendigkeit in einen schweren Gewissenskonflikt gestürzt, unternahm Michael R am 30 Juli 1986 schließlich den Mordversuch

Starker noch als der erste Prozeß wird diese Neuverhandlung zur Bühne der psychiatrischen Gutachter Über den Sachverhalt selbst ist nicht mehr zu entscheiden Nur die Hohe der Strafen muß nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs neu bestimmt werden Ein Psychiater und ein Psychologe treten auf Berichterstatter aus finsteren, kaum zu durchdringenden Sphären Der wissenschaftliche Tonfall domestiziert die Topographie dreier verwilderter Seelenlandschaften zu steriler Deutlichkeit Schublade auf Schublade einer schnarrenden Nomenklatur öffnet sich und schluckt das sezierte Chaos der abzuurteilenden Begebenheiten

Mit trostloser Plausibilität steigen aus den Biographien aller drei Angeklagten die psychischen Hintergrunde der Tat auf "Kann man denn zu Recht verlangen", hat vor 37 Jahren der Kriminologe Kurt Schneider in einem berühmt gewordenen Vortrag gefragt, "daß sich Menschen mit derart defekten und pathogenen Schicksalen normgerecht verhalten’" Und er wußte auch die Antwort "Man verlangt es eben, und das ist das Fundament des Ganzen "

Das ist wahr Aber es beleuchtet blitzhell das prinzipielle Elend der Strafjustiz Sie kann den Knoten der Probleme von Willensfreiheit und Determinismus, individueller und gesellschaftlicher Schuld nicht losen, sie muß ihn durchhauen Auch das verlangt man eben "Können Sie", fragt der Vorsitzende des Bochumer Schwurgerichts die Sachverstandigen, "das Ergebnis Ihrer Untersuchung in den Strafgesetzkategorien der Schuldunfähigkeit ausdrucken Sie können ohne Zogern Barbara H und Peter P sind uneingeschränkt, Michael R ist wegen seiner wahnbedingten Realitatsblindheit vermindert schuldfahig

Bemerkenswert an diesem Dialog ist nur, daß er rechtlich unzulässig ist, nicht daß er gleichwohl stattfindet, auch nicht das juristische Ergebnis, das er fixiert Die Frage nach der strafrechtlichen Schuldfahigkeit ist allein Sache des Gerichts Sie geht die Gutachter, die lediglich die psychiatrischen Grundlagen einer Antwort zu liefern haben, nichts an Seit Jahrzehnten wissen Verteidiger ein Klagelied vom begrifflichen und damit gedanklichen Zusammenspiel zwischen forensischer Psychiatrie und Strafjustiz zu singen Im ersten Prozeß hatte der Verteidiger des Peter P erfolglos die Bestellung des Hamburger Professors Eberhard Schorsch als Sachverständigen beantragt Beklemmend ist die Vorstellung, daß das Verfahren mit Schorsch, einem der unbestritten kompetentesten Gerichtspsychiater der Bundesrepublik, für die Angeklagten erheblich gunstiger verlaufen wäre

Nach zwei endlosen Verhandlungstagen sind die Probleme des Prozesses nicht gelöst, die Beteiligten aber erschöpft Am 18 Januar erfahren die Angeklagten, daß das Schwurgericht ihre Strafen herabgesetzt hat Statt des ursprünglichen "Lebenslänglich" erhalten Barbara H 14 Jahre Haft und Peter P elf, Michael R statt der zunächst verhängten neun nun acht Jahre für R, der auf dem Hintergrund eines geradezu tragisch verwirrten Weltbildes selbst mit seiner Bluttat nicht die Spur eines "echten" kriminellen Charakters erkennen ließ, eine noch immer deutlich zu hohe Strafe

Revisionen wird es nicht mehr geben In einem der bizarrsten Kriminalfalle der letzten Jahrzehnte schließen sich endgültig die Akten, hinter seinen Protagonisten die Türen der Gefangnisse