Von Dietrich Strothmann

Mußte also alles so kommen: Krieg um Krieg, Terror auf Terror – bis zum Aufstand der Palästinenser dieser Tage in den besetzten Gebieten und den täglichen Todesschüssen israelischer Soldaten? War das etwa alles – weil zwei Völker Anspruch erheben auf ein Land – unvermeidlich?

Wenn schon, so sollte man meinen, trifft alle und jeden die Schuld an solchem Verhängnis, dieser historischen Tragik: Juden wie Araber gleichermaßen. Die Juden, weil ihnen die Kriege, die sie allesamt gewannen, dazu nutzten, sich auszubreiten, Quadratkilometer um Quadratkilometer (bis an die Grenzen eines Groß-Israel vom Jordan bis zum Mittelmeer). Die Araber, weil sie den Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 und somit die Gründung eines israelischen Staates verweigerten und durch Gewalt verhindern wollten.

Der aufrechte, schonungslos ehrliche (und darum wohl auch verbitterte) Linkssozialist Simcha Flapan (er starb vor bald zwei Jahren, kurz vor der Drucklegung der ersten amerikanischen Ausgabe dieses Buches) macht eine weitaus schärfere Rechnung auf: Alle israelischen Versionen der Staatsgründung 1948 wie der Gründe und Folgen des ersten, des Unabhängigkeitskrieges, beruhten auf Mythen und Legenden. David Ben Gurion, der bewunderte Vater des Judenstaates, sei nicht schlechter oder besser gewesen als Menachem Begin. Die Palästinenser zumal seien die eigentlichen, einzigen Betrogenen israelischer Expansion und arabischen Hochmuts, bis heute.

Recht und Unrecht in der Geschichte – es ist schon immer das weiteste aller "weiten Felder" gewesen. Und wer da glaubt, das eine vom anderen sauber scheiden zu können, gibt nur dem Glauben an neue Legenden und Mythen willfährige Nahrung. Simcha Flapan, ein streitbarer Zionist seit den Pioniertagen Israelischer Staatswerdung aus den Reihen der linkssozialistischen Mapan-Partei ( mit der er später auch über Kreuz war), Begründer der angesehenen linksliberalen Zeitschrift New Outlook, verfällt dieser Neigung bei dem notwendigen, achtenswerten Versuch, die "andere Seite", die Kehrseite israelischer Politik der ersten Jahre offenzulegen – wie eine Wunde, die noch schwärt.

Der "Löwe" Ben Gurion, der 1948 in der Gründungsakte die Grenzen des Staates absichtlich im Ungefähren beließ, um sie später gewaltsam verschieben zu können – wie es dann auch, bis 1967, immer wieder geschah. Der die Palästinenser oft gewaltsam zur Flucht trieb, ihre Dörfer und Städte dem Erdboden gleichmachte – aber so tat, als gingen sie freiwillig oder auf Rat ihrer arabischen Führer. Der sich wider eine arabische Militärübermacht behauptete, wie David gegen Goliath – in Wahrheit aber genau wußte, wie schwach der Gegner tatsächlich war. Der von Frieden sprach, ihn aber nicht meinte.

So jedenfalls sieht der Aufklärer Flapan Israels Geburtshelfer, allen positiven Taten Ben Gurions zum Trotz, vor allem aber im Widerspruch zu den gängigen und offiziellen Darstellungen dieses großen Mannes. Und die anderen kommen ebenso schlecht weg: Golda Meir, Mosche Dajan, Chaim Weizmann; Menachem Begin sowieso. Die Araber indessen, die Palästinenser vor allem, erscheinen beinahe als die Unschuldigen, zu Unrecht Gescholtenen und Gestraften. Kann so Geschichte des neuen Nahen Ostens umgeschrieben werden, so einfach und einfältig? Eine Legende wird auf diese Weise nur durch eine andere ersetzt.