Hamburg

Wenigstens ist es Karabas erspart geblieben, sein Herrchen so sehen zu müssen: Da sitzt es, im Saal 215 des Amtsgerichts Hamburg-Altona, gebeugt auf einem abgewetzten Stuhl, knetet verlegen die breiten Hände, mit denen es sonst Autos auseinanderbaut, Vergaser reinigt, Reifen montiert, und blickt den Mann in der schwarzen Robe leicht von unten an, fast so, wie der junge Karabas immer sein Herrchen angesehen hat.

Begleiten konnte Karabas sein angeklagtes Herrchen vor Gericht nicht mehr, denn das Leben des schwarzen Neufundländerrüden endete nach nur neun Monaten Dauer, an einem lauen Sommerabend gegen halb neun, durch das Messer des Zeugen Rocco F.

Rocco F., ein aus Italien stammender Feinmechaniker, 37 Jahre alt, ist ein strebsamer Mann. Er hat es unter anderem zu einem Schrebergärtlein gebracht, das auf bundesbahneigenem Grund direkt an der S-Bahn-Linie liegt, die von Elmshorn zum Bahnhof Altona führt. Der Schrebergarten liegt hinter einem Gewerbegelände, das sich mehrere kleine Werkstätten teilen, darunter auch die "Kfz-Hobbygemeinschaft" von Karabas’ Herrchen, dem Automechaniker Dieter B., 36 Jahre, nun angeklagt wegen Körperverletzung.

Vielleicht sah der italienische Rocco manchmal auf den deutschen Dieter etwas herab, diesen Mann mit seiner kleinen Auto-Klitsche, die sogar dessen Verteidiger als "Baracke" bezeichnet, und dessen hochroter Kopf auch vor Gericht eine Neigung zum Alkohol bezeugt. Ob Dieter B. an jenem 15. August abends noch gearbeitet habe, will der Staatsanwalt wissen. – "Ja." – "Waren Sie nüchtern?" – "Nicht ganz." – "Wieviel hatten Sie denn getrunken?" – Lange Pause. "Ein, zwei Bier."

Auch Rocco F. feiert gern. Damals hatte er zum Geburtstag seiner Frau in den Schrebergarten eingeladen. Gast Maria Victoria H., die aus Italien stammende Laborantin, 50 Jahre alt, wollte abends gegen sieben mal kurz vom Kleingarten nach vorn zur Straße gehen. Als sie die Werkstatt von Dieter B. passierte, sah sie Karabas mit Dieter B.’s zweitem Hund, einem Schäferhund, spielen. Und plötzlich war Karabas da und biß ihr ins linke Knie. Es blutete zwar nur wenig, tat aber schrecklich weh, und so ließ sie sich ins Krankenhaus bringen, wo man oberflächliche Verletzungen feststellte. Die Zeugin Maria-Victoria H. wurde einen Tag krankgeschrieben, hatte aber noch zwei Wochen später Schmerzen.

Gastgeber Rocco F. stellte sofort Karabas’ Herrchen zur Rede und verlangte, er solle seinen Hund anbinden, der habe schließlich vor vier Wochen schon ein zehnjähriges Mädchen gebissen. Dieter B. weigerte sich: Karabas sei schon den ganzen Tag an der Leine, da müsse er wenigstens abends frei herumlaufen.