Bei der gegenwärtigen Agrarpolitik wird es bald keine Höfe mehr geben

Von Hermann Priebe

Die Sorge um das tägliche Brot, ein altes Menschheitsproblem, scheint durch die moderne Agrartechnik gelöst zu sein. Wir haben in den wirtschaftlich hochentwickelten Ländern eine reichliche und vielseitige Ernährung wie niemals zuvor. Doch der Preis dafür ist hoch: Die große Steigerung der Agrarproduktion erfolgt auf Kosten von Natur und Umwelt, durch Zerstörung des eindrucksvollen Erbes unserer ländlichen Sozialstruktur und Kulturlandschaft. Die Zukunftsfrage ist, wie wir dieser zunehmenden Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen begegnen.

Welche epochale Veränderung sich hier in wenigen Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg vollzogen hat, ist noch nicht ins allgemeine Bewußtsein aufgenommen worden. Und in der agrarpolitischen Diskussion herrscht vollständige Verwirrung. Der Bauernverband setzt sich für die Fortsetzung der offensichtlich verfehlten Politik ein und entwickelt eine große Meisterschaft in der Verdrängung der Tatbestände, die seinen Forderungen widersprechen. Andere Gruppen setzen eigene Schwerpunkte, agrarpolitische Oppositionsgruppen kämpfen für die Existenzsicherung einer breiten bäuerlichen Struktur, Naturschutzverbände für eine umweltgerechte Wirtschaftsweise, die Verbraucher sorgen sich um den Gesundheitswert der Nahrungsmittel, Wirtschaftswissenschaftler hoffen, die Verschwendung öffentlicher Mittel durch eine mehr marktwirtschaftliche Agrarpolitik zu beenden.

Die geistige Verwirrung in der Agrarpolitik ist das typische Kennzeichen einer Umbruchsituation. Über Jahrhunderte hinweg ist das agrarpolitische Denken aus dem Bemühen um Überwindung des Mangels an Nahrungsmitteln für die wachsende Bevölkerung geprägt worden. In der Europäischen Gemeinschaft bestand noch bei ihrer Gründung ein Zuschußbedarf, daher wurde die gemeinsame Agrarpolitik mit Preis- und Absatzgarantien für die wichtigsten Grundnahrungsmittel am Ziel der Produktivitätssteigerung orientiert.

Doch schon bald begannen große Veränderungen in der Agrartechnik. Ungeahnte Möglichkeiten der Produktionssteigerung waren die Folge, und der Zuschußbedarf der Gemeinschaft an Nahrungsmitteln ging schnell zurück. Als gegen Ende der sechziger Jahre die Schwelle der Selbstversorgung überschritten wurde, konnte ein System unbegrenzter Preis- und Absatzgarantien nicht mehr funktionieren.

Doch trotz aller Warnungen wurde während der siebziger Jahre eine aktive Preis- und Wachstumspolitik fortgesetzt. Bauernverband und Agrarminister ließen sich auch durch die dramatisch zunehmenden Überschüsse nicht beeindrucken und blieben blind für die abenteuerliche Vergeudung von Finanzmitteln; die Preise wurden laufend weiter erhöht und die Bauern in der Vorstellung bestärkt, diese Politik könne unverändert weitergeführt werden.