Mit wahrlich gemischten Gefühlen haben wir Westeuropäer den Trubel um den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten verfolgt. Die Spannweite der Emotionen reichte von Spott über Verwunderung bis Neid und erschwerte ein zutreffendes Urteil. Was für ein Aufwand! Welch ein Theater? Sogar nach acht Jahren Reagan-Präsidentschaft mit ihrer unübertrefflichen Symbiose von Politik und Showgeschäft fiel das Spektakel des Wachwechsels ins Auge. An Glanz und Glitter bei der Amtseinführung hat George Bush jedenfalls erst einmal sämtliche Rekorde gebrochen.

Die Inauguration eines Präsidenten geriet nicht immer zu einer Mischung aus Krönung und Kirmes. Am Anfang ging es wesentlich bescheidener zu. George Washington begnügte sich mit einem einzigen Ball zu seinen Ehren und einer kleinen Parade. Später wurde, getreu der Verfassungsdevise – We the people –, das Volk intensiver zum Feiern hinzugezogen. Doch weil es bei der Begrüßung Andrew Jacksons beinahe das Weiße Haus demolierte, hielt man es danach lange Zeit auf Distanz – bis jetzt George Bush erneut die Türen der Präsidentenresidenz öffnete.

Er wollte mit seiner Einladung an die Durchschnittsbürger wohl auch den Eindruck verwischen, als sei er bloß ein Freund der Reichen und Superreichen. Schließlich waren sie es, die ihn auf einem Dutzend Bällen (mit bis zu 1500 Dollar Eintritt) gefeiert haben.

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Wo die Amerikaner aus sich herausgehen, machen die Europäer eher duldende bis desinteressierte Miene. So ist von Fröhlichkeit nichts zu verspüren, wenn etwa die Ablösung in 10 Downing Street erfolgt. Echten Pomp erleben die Briten nur bei der seltenen Übergabe der Monarchenwürde. Und protokollarischen Bedürfnissen wird genügt, wenn der wirkliche Souverän (oder was die Inselbewohner noch dafür halten), das Parlament, seine Session eröffnet.

Die Franzosen immerhin lassen sich wenigstens gelegentlich von Begeisterung für einen historischen Augenblick mitreißen. Der Tanz auf den Straßen ist noch unvergessen, mit dem die Pariser François Mitterrands Einzug ins Elysée begrüßten. Bei seiner Wiederwahl freilich wurde schon weniger getanzt, und das lag nicht nur am schlechten Wetter.

Darüber hinaus macht das Land, in dem der Stil gemeinhin als das Leben gilt, wenig Aufhebens von Veränderungen in den höchsten Ämtern. Vom frischgebackenen Staatsoberhaupt nimmt das Volk nur Notiz, wenn er an seinem großen Tag durch die Prachtstraßen der Kapitale wandelt; ein neuer Ministerpräsident aber gehört sowieso zur Routine.