Eines allerdings muß man der CDU, dieser von Hause aus kulturfernen Partei, lassen: Sie ist lernfähig. Schneller als andere kapiert sie, was geht und was nicht geht. Sie ist ein Machtgewinnungs- und Machterhaltungsverein und folglich ganz pragmatisch. Kultur zum Beispiel, das hat sie begriffen, geht momentan sehr gut. Kultur ist ein Gelände, auf dem sich relativ rasch und relativ preiswert politischer Erfolg erzielen läßt. Verglichen mit Tieffliegern, Giftgas oder Quellensteuer ist Kultur ein geradezu erholsames Gelände.

Überall dort, wo die CDU regiert, gibt es Kultur satt: In Berlin kann die Kultur gar nicht so viel fressen, wie sie kriegt; in Stuttgart herrschen Goldrausch und Gründerzeit; der Frankfurter Kulturetat ist, bezogen auf die Einwohnerzahl, viermal so hoch wie der in Hamburg. Falls der Oberbürgermeister Wolfram Brück die Wahl in sechs Wochen überlebt, dann auch deshalb, weil Frankfurt im Glanz kultureller Verschönerung strahlt.

In Frankfurt fand dieser Tage ein kulturpolitischer Kongreß der KPV statt. Das ist die "Kommunalpolitische Vereinigung der CDU und CSU Deutschlands". Da trafen sich die Leute, die jetzt die Kultur machen. Zum Beispiel Walter Wallmann, der Ministerpräsident Hessens, Lothar Späth, der von Baden-Württemberg, Volker Hassinger, der Kultursenator in Berlin, Horst Waffenschmidt, Parlamentarischer Staatssekretär beim Innenminister in Bonn, Was sie da plauderten und proklamierten, war atemberaubend.

Die Frankfurter Redner demonstrierten, daß die Wende passiert ist. Nicht so, wie wir dachten oder befürchteten, sondern so: All das, was linke Sozialdemokraten, Kritiker und Künstler vor zwanzig Jahren gedacht und gefordert haben, macht nun die CDU; ein bißchen anders zwar, aber ohne die alten Ressentiments. Sie hat ein bißchen geklaut und dann vergessen, sich zu bedanken. Bei der SPD und Hilmar Hoffmann zum Beispiel, die das Frankfurter Kulturwunder angezettelt haben. "Das Theater ist auch der Ort des Widerspruchs. Wir in der Union", sagte Wallmann, "gestehen wir es offen, haben uns früher damit schwer getan." Ja, das ist lange her, daß die CDU gegen die Brecht-Inszenierungen von Buckwitz Sturm gelaufen ist.

Widerspruch? Kein Problem. Demokratisierung? Sowieso. Abschied vom elitären Kulturbegriff? Längst geschehen. Utopie? "Utopien sind unverzichtbar", sagte Kurt Biedenkopf. Das muß man sich mal vorstellen, diesen Weg von Bloch zu Biedenkopf. Da wird ja wohl manches verlorengegangen sein. Das Wort Kritik zum Beispiel kam nicht vor. Auch Veränderung nicht.

Da fragt man sich natürlich: Was bloß haben die vor? Einiges. Wallmann, dem Hegel, Kant und Ortega y Gasset locker über die Lippen gingen, dachte nach: Die Menschen in diesem Land haben alles, was sie brauchen, und doch sind sie nicht glücklich. Sie haben Angst, grundlose. Da tut Kultur gut, sie liefert "Orientierung" und "Sinnstiftung". Biedenkopf: Kultur taugt zur "Innovationshilfe" und zur "Schadensbegrenzung". Waffenschmidt: Kultur ist ein "Standortfaktor". Briefe Kultur dient der "Lebensgestaltung". Späth: Kultur entfaltet die "Kreativität", die wir brauchen, wenn wir den Fortschritt bestehen wollen.

Kultur als Sedativ und Stimulans, als Reparaturbetrieb für jene Schäden, deren Verursacher nicht die Ursachen abschaffen, sondern die Wirkungen mildern wollen. Dafür wird ein Kulturbetrieb gefördert, aus dem die Kunst ausgewandert ist, in dem die wirklichen Künstler immer seltener vorkommen. Früher hat die CDU darunter gelitten, daß die Künstler nicht bei ihr, sondern bei der SPD zu finden, waren. Jetzt sind die Künstler in der inneren Emigration, und der Apparat läuft auch ohne sie. Er verwertet den Fundus. Er wird bedient von den Interpreten, den Agenten, den Machern und den Sekundärtalenten. Das geht.

Nie war der Kulturbetrieb so reich, nie die Kunst so arm wie jetzt. Kreativität läßt sich nicht im Tagebau fördern, Kollege Späth. Innovation gibt es derzeit überall, nur nicht in der Kunst, Kollege Biedenkopf. Da gibt es bloß melancholische Reprisen. Einzelgänger, denen nichts ferner liegt als der Standortfaktor, wandern mühselig zurück in die Historie und ihre Finsternis. Privatanarchisten, die sich für die Zukunft dieses Gemeinwesens einen Dreck interessieren, vergraben sich im Labyrinth ihrer schrecklichen Visionen. Damit läßt sich kein Staat machen. Da ensteht, vielleicht, Kunst. Die braucht der Betrieb nicht. Kultopia gedeiht auch so. Ulrich Greiner