Von Marie-Luise Hoffmann und Ludwig Siegele

Für die Postreklame haben sich die Werbeberater von Minister Christian Schwarz-Schilling etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Plüschtiere, Babies und sympathische Hotelportiers verkünden auf großen bunten Zeitungsseiten derzeit das neue ISDN-Zeitalter. Die Anzeigenkampagne soll um Verständnis für eine neue Fernmeldetechnik werben, die der Postminister für eine "Frage der wirtschaftlichen Existenz unserer Nation" hält. Wie ISDN, das neue Kommunikationsnetz, indes funktioniert, bleibt dem Zeitungsleser ein Rätsel. Den Poststrategen muß bald sehr viel Überzeugenderes einfallen, sonst könnte "das größte Vorhaben, das die Post jemals unternommen hat", so Schwarz-Schilling, zum Ladenhüter verkommen.

Denn mit dem Integrated Services Digital Network wissen die meisten Postkunden noch immer nichts anzufangen. "ISDN ist eine überzeugende Lösung, für die das Problem zur Zeit noch gefunden werden muß", sagt dann auch Werner Knetsch, Geschäftsleiter für Informationstechnik beim Beratungsunternehmen Arthur D. Little International in Wiesbaden. Schon kursieren in der Fachwelt verballhornende Langformen des Kürzels: Innovations subscribers don’t need – Neuerungen, die keiner braucht.

Das muß den Minister hart treffen. "Wer hier nicht mitzieht, wird in den neunziger Jahren auf der technologischen Bühne nicht mehr zu sehen sein", betonte er noch jüngst in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Die Computer- und Fernmeldebranche stößt ins gleiche Horn. "Es geht ja schließlich um den Aufbau eines Nervensystems für Unternehmen und Volkswirtschaft", faßte kürzlich Nixdorf-Chef Klaus Luft seine hochgestochenen Erwartungen zusammen. Und es geht auch um einen Riesenmarkt: Bald sollen nach Lufts Schätzungen weltweit rund 500 Milliarden Mark im Jahr für Telekommunikation ausgegeben werden, ein großer Teil davon für ISDN.

Entsprechend groß sind zumindest die technischen Anstrengungen des Gelben Riesen, um beim weltweiten ISDN-Wettlauf ganz vorne dabei zu sein. In diesen Tagen nehmen in acht Städten bereits ISDN-Ortsvermittlungsstellen ihren Dienst auf; es starteten Stuttgart, Hamburg und Hannover. Und 1993 werden sich Bürger und Unternehmen bundesweit an das Netz anschließen können. Schätzungsweise zwanzig Milliarden Mark soll das Projekt kosten.

Schon bald könnte sich dann folgendes ereignen: Wer Montag morgens nicht so ausgeruht wie üblich am Schreibtisch sitzt, kann sich störende Gespräche leicht vom Halse halten. Er drückt die Taste "Ruhe vor dem Telephon". Anrufer müssen sich dann mit einer Ansage zufriedengeben: "Wegen wichtiger Arbeiten kann ich im Moment leider nicht ans Telephon gehen." Nur der dienstreisende Chef wird nicht kaltgestellt: Die Nummer – soweit bekannt – ist entsprechend einprogrammiert. Wenn der sich dann tatsächlich meldet, können ihm schon während des Gesprächs die angeforderten Unterlagen zugefaxt werden. Kurz danach bekommt er aus einem Personalcomputer die neuesten Umsatzzahlen überspielt. Und schließlich erscheinen Videobilder von gerade fertiggestellten Produktmustern auf seinem Monitor.

Solch komfortable Telekommunikation ermöglicht eine vergleichsweise einfache technische Idee: die Digitalisierung. Auf diese Weise soll das über hundert Jahre alte Fernmeldenetz komplett modernisiert werden. Heute überträgt die Post Gespräche noch analog. Für Texte und Computerdaten gibt es deshalb spezielle digitale Übertragungswege. Künftig wird auch Sprache in Nullen und Einsen zerhackt. Damit kann die Post praktisch neuen Wein in alte Schläuche fassen: Für ISDN, also die Übertragung von Texten, Bildern, Computerdaten und Sprache in einem Netz, braucht sie zwar neue Vermittlungsstellen, aber keine neuen Fernmeldekabel. Sie kann also die alte Infrastruktur nutzen.