Das "Henne-Ei-Problem" (Schwarz-Schilling) müsse die Post schleunigst selbst aus der Welt schaffen, fordert auch Franz Arnold, der in früheren Jahren bei der Post für den Fernmeldebereich zuständig war: Sie sollte eine Million Endgeräte kaufen und günstig auf den Markt werfen. "Das bringt zwar einmalig 300 Millionen Mark Verlust, aber auch den nötigen Auftrieb für ISDN", meint der Experte, der heute bei der Beratungsfirma Scientific Control Systems (SCS) arbeitet. Die Kosten dieser Geburtshilfe seien jedenfalls viel geringer "als die Zinsverluste durch ein ISDN, das zu langsam in Gang kommt".

Mit diesem Vorschlag will sich freilich sein ehemaliger Kollege Kahl nicht anfreunden: "Das ist nicht das Allseligmachende. Da kann man sich beliebig am Markt vorbeibewegen." Die Skepsis beruht auf Erfahrungen: Um den dümpelnden Bildschirmtext flottzumachen, orderte der Staatsbetrieb vor zwei Jahren rund 90 000 sogenannte Multitels. Noch heute verstaubt ein großer Teil der Geräte in den Lagern der Post. Daß die Hebammen-Methode aber durchaus funktionieren kann, zeigt das Beispiel Frankreich. Mit kostenlosen Endgeräten hat die französische Fernmeldebehörde ihr Minitel, das Gegenstück zum deutschen Bildschirmtext, zu einem Massendienst mit weit über drei Millionen Teilnehmern gemacht.

Die Post hofft dagegen, daß langfristig einzelne Dienste von allein für den Massenerfolg von ISDN sorgen. Ein Zugpferd soll dabei das Bildtelephon sein. Ab 1990 wird der Dienst angeboten. Und schon heute wirbt der Staatsbetrieb mit rührenden Spots für das neue Angebot: Endlich kann die Oma mit ihren Enkeln nicht nur sprechen, sondern sie kann sie auch sehen. Doch die Qualität des neuen Dienstes ist noch bescheiden. Denn zunächst wird sich der Bundesbürger praktisch mit einem Standbild zufriedengeben müssen.

Ob alt und jung bei den Plänen des Ministers mitmachen, darf noch aus anderen Gründen bezweifelt werden: "Vorsicht Kamera" als Normalzustand könnte die Verbraucher eher schrecken. "Sogar totale Technik-Freaks winken bei dieser Vorstellung ab", sagt der Sozialwissenschaftler Detlef Müller-Böling, Professor an der Universität Dortmund. Da werde es "erhebliche Anlaufschwierigkeiten" geben, prophezeit der anerkannte Akzeptanzforscher.

Und Akzeptanzprobleme sagen Fachleute nicht nur bei der Bildkommunikation voraus: Das ganze Netz samt der Technik könnte beim Bürger durchfallen, warnten schon 1986 Karl-Heinz Neumann und Thomas Schnöring, Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Instituts für Kommunikationsdienste der Deutschen Bundespost in Bad Honnef. "Es handelt sich immerhin um eine Großtechnologie, die mit Wachstumsargumenten in der Öffentlichkeit begründet wird und die Assoziation zum Überwachungsstaat zuläßt." In Sachen Datenschutz ist das Problembewußtsein der Postgewaltigen freilich bis heute nicht sehr ausgeprägt. Die Post müsse Daten speichern, heißt es in der Behörde, um die Gebühren berechnen zu können. Die Informationen würden aber nur für eine begrenzte Zeit gesammelt und dann wieder gelöscht.

Skepsis ist dennoch angebracht. Wenn demnächst über das Computernetz der Post nämlich nicht nur Telephonate geführt, sondern auch elektronische Zeitungen abgerufen werden können, elektronisches Einkaufen möglich und die Abwicklung von Bankgeschäften üblich wird, dann lassen sich aus diesen Verbindungsdaten Persönlichkeitsprofile ersehen. Ohne einen speziellen Datenschutz könnte der Ausbau des Fernsprechnetzes deshalb dem Minister sogar eine Verfassungsklage bescheren, vermuten einige Wissenschaftler, darunter auch Herbert Kubicek, Hochschullehrer für angewandte Informatik an der Universität Bremen. Seit Jahren weist er auf die Probleme hin, die die neue Technik mit sich bringen wird. Wenn alles so kommt, wie bisher noch geplant, könnte "das ISDN zum schnellen Brüter der Nachrichtentechnik" werden, vermutet der Bremer Professor (Interview mit Professor Herbert Kubicek in der nächsten Ausgabe).