Ein sechsjähriges Mädchen wird erschlagen, angeklagt ist sein Adoptivvater, bizarr die Rolle seiner Lebensgefährtin

Von Ina Navazelskis

New York, im Januar

Am vorigen Freitag, kurz nach zwölf Uhr mittags, wurde es im Gerichtssaal in Lower Manhattan bedrückend still. Einer der meistdiskutierten Prozesse in der Geschichte der Stadt näherte sich seinem Ende. 350 Kilometer weiter südlich, in Washington, feierte die Nation; George Bush wurde gerade als 41. Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen. Doch hier in New York fiel ein anderer Name weitaus häufiger, der eines sechsjährigen Mädchens: Elizabeth – genannt Lisa – Steinberg. Während der zwölf Verhandlungswochen wurde Lisa zum Symbol für unzählige amerikanische Kinder, die durch jene leiden müssen, die sie eigentlich beschützen sollten – ihre Eltern.

Die Tragödie einer unglücklichen, von Gewalttätigkeit gezeichneten New Yorker Bürgerfamilie wurde zum beherrschenden Thema der Medien. Vorm Gerichtssaal drängten sich hinter Polizei-Barrikaden die Aufnahmeteams von Funk und Fernsehen zwischen Kilometern von Kabeln und Drähten. In einem auf 18 Monate begrenzten Experiment gewahrt der Staat New York auch dem Fernsehen Zutritt. Deshalb war im Verhandlungssaal eine TV-Kamera installiert worden, auch eine Photokamera war aufgestellt.

Von den zwölf langen Banken waren acht für die Presse reserviert. Darauf saßen Reporter jeglicher Couleur und Autoren, die für große New Yorker Verlage Bücher über den Prozeß schreiben.

Warum diese ungewöhnliche Publicity? Der Prozeß hatte alle Elemente eines großen Dramas – Heimlichkeiten, bizarre Irreführungen, enttäuschte Liebe, reale und angedrohte Gewalt – zudem manches, was an eigene Gefühle rührte, und die beunruhigende Moral, daß normale menschliche Wünsche nach Liebe und Familienleben nur allzu leicht ausgebeutet werden können, bis schließlich nur noch Macht, Gängelang und Grausamkeit übrig bleibt; daß Träume von bescheidenem Glück über Nacht zu Alpträumen werden. Außenstehende nehmen häufig Anzeichen dieser – fast immer vom männlichen Familienoberhaupt gegen Frau und Kinder gerichteten – rohen Gewalt wahr, aber sie tun nichts dagegen. All dies spielt sich vor dem Hintergrund einer Wirklichkeit ab, in der amerikanische Familien seit zwei Jahrzehnten an enormen wirtschaftlichen und sozialen Lasten zu tragen haben, die Scheidungsrate steil ansteigt und alleinerziehende Eltern das Leben nicht mehr bewältigen können. Und in den Vereinigten Staaten gibt es im Gegensatz zu fast allen westlichen Industrieländern keine nationale Politik, die in Not geratenen Familien wieder auf die Beine hilft.