Von Karl-Heinz Büschemann

Viehhändler hatten in Deutschland und speziell in Bayern wohl noch nie einen unumstrittenen Ruf. In der Volksmeinung sind sie eher gerissene Geschäftemacher und schlaue Roßtäuscher, die ihre Vertragspartner über den Löffel halbieren. Wer aber glaubt, diese Spezies Kaufleute sei längst ausgestorben, der irrt. Eberhard Wetzstein zum Beispiel lebt – allerdings weiß im Moment niemand, wo.

Der 52jährige Münchner hat sich abgesetzt und wird von Interpol weltweit gesucht. Auf das Konto des Geschäftsführers der Imex Deutsche Zucht- und Nutzvieh Im- und Export GmbH mit Sitz in München, einer Firma die auf den Export von Schlachtrindern spezialisiert war, geht nach Aussagen der Münchner Zollfahndung "der wohl größte EG-Subventionsbetrug in der Bundesrepublik". Durch zahllose Urkundenfälschungen soll Wetzstein – ob auch zum eigenen Vorteil oder nur für die Imex, ist unbekannt – von der EG mehr als 140 Millionen Mark Exportsubventionen erschlichen haben. Der Rechtsanwalt Wetzstein schaffte es gerade noch, nach dem Auffliegen der Riesenbetrügereien vor genau einem Jahr, den Konkurs der Imex anzumelden, bevor er untertauchte, um einer Strafe zu entgehen, die ihn bis zu fünfzehn Jahren hinter Gitter bringen könnte.

Dieses Gaunerstück wirft ein fragwürdiges Licht auf die deutsche Vieh- und Fleischhandelsbranche. Der Fall ist nicht nur peinlich, weil die Ermittler sogar im Schlafzimmerschrank eines Imex-Mitarbeiters falsche Stempel fanden, mit denen Betrügereien besiegelt wurden, sondern auch, weil die Imex in der Branche einen Namen hatte. Sie war die Handelsfirma aller deutschen Tierzuchtverbände schlechthin und seit ihrer Gründung 1949 im Ausland praktisch die entscheidende Adresse der deutschen Viehhändler. Vierhundert Millionen Mark setzte die bis in die siebziger Jahre sogar größte deutsche Viehhandelsgesellschaft pro Jahr um. Aber auch Eberhard Wetzstein war nicht irgendwer. Der Jurist stand seit rund zwanzig Jahren an der Spitze der angesehenen Münchner Firma.

So konnten selbst die abgebrühten Münchner Zollfahnder zunächst kaum an Betrug glauben und sich lange Zeit nicht entschließen, gegen Imex zu ermitteln. "Einer solchen Firma, die praktisch seit ihrer Gründung bekannter Kunde der Zollverwaltung war, kann man das nicht zutrauen", gesteht Claus Tiedtke, der Vorsteher des Münchner Zollfahndungsamtes. Doch seine Beamten mußten zur Kenntnis nehmen, daß auch in diesem Fall Gelegenheit Diebe machte – selbst wenn alle ehrenwerten deutschen Zuchtviehverbände im Gesellschafterkreis der Imex sitzen.

Aber die Agrarmarktordnung der Europäischen Gemeinschaft mit ihren gigantischen Subventionen muß für die Imex-Händler geradezu eine Einladung zum Betrug gewesen sein. Weil die Preise für Vieh oder Fleisch innerhalb der EG künstlich höher gehalten werden als auf den Weltmärkten, müssen Importe mit Zöllen verteuert werden Exporteure dagegen bekommen sogenannte Ausfuhrerstattungen aus der Brüsseler EG-Kasse, weil sie außerhalb der EG-Grenzen empfindliche Preiseinbußen hinnehmen müssen. Bei den lebenden Rindern, die die Imex seit Anfang der achtziger Jahre vorzugsweise in Länder Nordafrikas und des Vorderen Orients verschiffte, waren das pro Kilo immerhin zwischen zwei und drei Mark. Mehr als vier Milliarden Mark muß das Hauptzollamt Hamburg-Jonas als zentrale deutsche Auszahlungsstelle für diese EG-Erstattungen an alle hiesigen Agrarexporteure überweisen, gleichgültig, ob sie Getreide verkaufen, Milch, Obst, Fleisch oder Vieh. Wer mit Brief und Siegel dokumentiert, daß seine Waren im Ausland angekommen sind der kann sich beim Zollamt Jonas sein Geld abholen.

Doch der Münchner Firma Imex war es lästig, daß ausgerechnet die Behörden in Saudi-Arabien, der Türkei, Ägypten oder Tunesien sich immer sehr viel Zeit ließen, bis sie die amtlichen Ankunftsbescheinigungen ausstellten, die doch in Hamburg zu präsentieren waren. Monate dauerte das oft, so klagten die Imex-Händler. Wer die begehrten Dokumente aber schneller haben wollte, der mußte Schmiergeld zahlen. Bis zu zehn Prozent vom Gesamtgeschäft sollen nach Aussagen von Imex-Leuten gelegentlich für dieses Bakschisch draufgegangen sein. Weiterer Nachteil der Originalpapiere aus dem Nahen Osten: Die Araber bescheinigen der Imex nur die Ankunft der Rinder, die beim Ausladen noch lebten. Für die Tiere, die vor allem bei den ersten Lieferungen in großer Zahl auf dem Schiffsweg verendet waren, bekamen die Münchner weder von den Arabern noch von der EG Geld.