Von Günter Metken

Dalí auf eine Formel bringen zu wollen, hiele die Quadratur des Kreises versuchen. Das Bild, das er in "Das geheime Leben des Salvador Dalí", zugleich Autobiographie und Schelmenroman, von sich entwirft, ist das eines Anstifters aus bürgerlichem Haus, der im Heimatstädtchen Figueras die Machtübernahme probt. Strategien werden durchgespielt, die Kunst der Manipulierung geübt: er halt ein Mädchen hin, das ihn liebt, schwingt sich durch Verrücktheiten, die zugleich Schwachen verdecken, zum Wortführer von Schulklassen, später eines Jahrgangs in der Madrider Akademie auf, läßt Fehlleistungen und Paradoxe als Heldentaten gelten und geht aus einem Disziplinararrest als Märtyrer hervor.

Als der Erste Weltkrieg, in dem das frankophile Katalonien mit den Alliierten sympathisierte, zu Ende ist, soll Salvador den Gruß der Schule ausbringen. Doch zur allgemeinen Überraschung ruft er: "Es lebe Deutschland. Es lebe Rußland!", was allgemein als ein Bekenntnis zur Weltrevolution gedeutet wird. Aber vielleicht will der schon damals rollende Jüngling nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken, hatte er doch schon erkannt, daß seine Kapriolen als Stärke, seine Kalküls als Enthusiasmus gewertet wurden. Und möglicherweise wollte er es auch nur Narciso Monturiol aus Figueras gleichtun, dem Erbauer des ersten spanischen Unterseeboots, das 1869 von Barcelona nach Alicante schwamm, weshalb sein Denkmal die Ramblas ziert.

In seiner Lebensbeschreibung behauptet Dali jedenfalls dergleichen, und man darf dieser 1941 verfaßten Apologie ruhig Glauben schenken. Nicht unbedingt, was das Arrangieren von Einzelheiten betrifft, dazu ist das Buch zu deutlich in der Erfolgsoptik Amerikas geschrieben, wo Dali während des Krieges lebte. Wohl aber, was seinen Tenor angeht, nämlich daß der fanatische Individualist Dali – als einen solchen der spanischen, mithin extremen Spielart erkennt Sigmund Freud 1938 den Besucher – mit fünfzehn seine Paradoxe schon so genau kodifiziert hat wie Ignatius von Loyola, eines seiner geheimen Vorbilder, die "Exerzitien".

Dalí ist ein Mann der Hierarchie, der katholischen Obrigkeit, denn nur diese bringt dank ihres Drucks Exzentriker wie ihn hervor. Er lebt gleichzeitig in Dichtung und Wahrheit, vermengt Traum und Wirklichkeit, Mythos und Vernunft. Und er ist Anti-Faust: nicht einer der verjüngt werden, sondern.schon als Junger alt sein will, seinen Lebensentwurf als Kind vorwegnimmt. Wer ihn begreifen will, muß folglich die Statten und Stadien seiner Jugend aufsuchen.

Dali, der sich Balzac vorlesen ließ und als Student in Madrid zunächst auf den brillanten jungen García Lorca eifersüchtig war, auch seine erste Pariser Aufwartung "noch vor dem Louvre" bei Picasso macht, was dieser nicht ohne Stolz billigt: dieser Dalí ist ein Mann der Provinz, ein katalanischer Bauer, wie er gern betont, der zunächst Paris und dann über New York die Neue Welt erobern wird, was ihm als ganz natürliche Parallele zu Christoph Columbus vorkommt. Aber er bleibt, und dies im Gegensatz zu Picasso, in seiner Provinz verankert, vermag eigentlich nicht ohne sie zu existieren.

Diese Provinz ist nicht etwa ganz Katalonien. In flammenden Manifesten der zwanziger Jahre hat Dali gegen den Folklorismus gewettert und die Abschaffung des regionalen Hüpftanzes, der Sardana, gefordert. Ja, er trat sogar für die Sprengung der Altstadt von Barcelona ein. Nein, es ist der Schauplatz seiner Jugend, das rührige Städtchen Figueras, wo der gutmütige, seinem exzentrischen Sproß gefügige Vater Notar war; die umgebende Landschaft Ampurdan mit den Mühlen und Böcklinschen Zypressen, der Strand von Rosas und vor allem Cadaqués, woher der Vater stammte.