Wie sich die Lahrer Bürger von ihrem Skandalunternehmen distanzieren

Von Christian Wernicke

Lahr/Schwarzwald, im Januar

Die silbergrauen Rohre glänzen im Nebel, der von der Rheinebene das Schuttertal heraufgezogen ist. Ein naßkalter Film legt sich auf Wasserstofftanks, Kühlaggregate und matte Neonröhren, die hinter hohem Maschendraht das Gelände der Imhausen-Chemie ausleuchten. "Rauchen", "Photographieren" und "Zutritt für Unbefugte" verboten, warnen Schilder an geschlossenen Werkstoren. Es ist Sonntag. Nichts rührt sich im Lahrer Chemiepark, wo angeblich jene Libyen-Connection ihren Ausgang nahm, an deren Ende Ghaddafis Giftgas-Fabrik steht. Spurensuche im Morgendunst von Lahr.

Die Raiffeisenstraße ist so etwas wie die Skandalmeile des 34 000-Seelen-Städtchens am Westrand des Schwarzwaldes: Zwei der drei örtlichen Nachtbars, nach Meinung Einheimischer nur eine Folgelast von 4800 in Lahr stationierten kanadischen Soldaten, locken als Nachbarn von Imhausen mit Striptease ins Gewerbegebiet. Dieser Asphaltstrich rückte die Stadt schon einmal in die Weltpresse: Kanadas Verteidigungsminister stürzte, nachdem er sich hier angeblich vergnügt und als "Sicherheitsrisiko" entpuppt hatte. Das ist jetzt vier Jahre her.

Damals ertrugen die rechtschaffenen Alemannen die Invasion rasender Reporter noch mit einem Lächeln. Das war keiner von ihnen, der da im "Tiffany" gestrauchelt war. Aber diesmal? Diesmal auch nicht. Die Verwaltung von Imhausen residiert zwar mitten in der Stadt, in der klassizistischen "Weißen Villa". Aber viel wußte man nie über das Unternehmen, das mit seinen drei Tochterfirmen etwa 320 Lahrern Arbeit gab. Der Chef, Dr. Jürgen Hippenstiel-Imhausen, wohnte mit Frau und Sohn zurückgezogen oben auf dem Schutterlindenberg bei den besseren Leuten. Kein Mensch zum Anfassen; wo er jetzt ist, weiß niemand. Im "Löwen" sei der doch nie eingekehrt; und der Gemüsehändler am Roßplatz, die Metzgerei Schätzle in der Marktstraße, die lieferten doch frei Haus. So grenzen sich die Lahrer ab von einem, der die meisten bisher ausgrenzte: Für sie gehört Imhausen nicht zur Heimat, in der er schafft, sondern zur weiten Welt, in die er reist und exportiert.

Was derzeit über ihr "Schutter-Athen" hereinbricht, belebt bei den Lahrern alte Widerstände neu. "Seit Jahrhunderten", so erinnert der frühere Oberbürgermeister und populäre Mundart-Dichter Philipp Brucker, "kämpfen ‚de Lohrer‘ um ihre Freiheit und Ruhe nach außen, wehren sie sich gegen jegliche Abhängigkeit, gegen mittelalterliche Burgherren, gegen den Markgrafen von Baden." Im 19. Jahrhundert verpaßte die Handelsstadt den Anschluß an die Bahnlinie, verlor trotz Tabak- und Druckindustrie den Wettlauf mit Offenburg und Karlsruhe. Statussymbole gingen noch in jüngster Zeit verloren, so das Landkreisamt und das Straßenbauamt. Und jetzt auch noch der gute Ruf. Trotzig halten sie allen Fremden, die jetzt mit Fragen nach Gas, Ghaddafi und Gerüchten stören, ihren alten Wahlspruch von den drei menschlichen Gattungen entgegen: "Männli, Wiiwli un Lohrer".