Von Gerhard Spörl

Bonn, im Januar

Das Kanzleramt ist ein verschachtelter Mehrzweckbau, und wer sich ihm auf dem schmalen Fußweg entlang den hohen Fahnenmasten nähert, läßt das eigentliche Bonn ein Stück weit hinter sich. In der Eingangshalle ist die Versuchung groß, sich in dieser angenehm trägen Ruhe erst einmal das neue Wandgemälde anzuschauen. "Das Arbeiter-Evangelium" heißt es beziehungsreich und stammt von Jens Birkholm. Die Aufzüge stehen still. Die weiten Flure sind menschenverlassen. Vor Waldemar Schreckenbergers Büro steht ein sorgfältig beladener Aktenwagen. Was auch immer von draußen anbrandet, hier läuft es matt aus. Ohne Abstand zur Wirklichkeit ließe sich wohl gar nicht regieren. Aber zuviel davon ist tödlich.

Für Bonner Gewohnheiten ist Schreckenberger der Inbegriff für Wirklichkeitsferne mitten im Zentrum der Macht. Die alte, immer wieder neue Geschichte vom Scheitern deutscher Professoren in der Politik hat bei ihm eine Wendung ins Tragikomische genommen. Am Anfang der Regierung Kohl war er der Chef im Kanzleramt. Der Staatssekretär-Titel ist ihm geblieben. Seine Befugnisse aber sind seit Ende 1984 auf ein Minimum geschrumpft. Damit endet normalerweise der akademische Ausflug nach Bonn und führt zurück an eine Universität. Schreckenberger aber gab sich zufrieden mit seiner Degradierung. Er geriet ein wenig in Vergessenheit und war erleichtert darüber. Erst die jüngste Variante der Libyen-Affäre, das Kompetenzgerangel zwischen Bundesnachrichtendienst (BND) und Bundeskanzleramt, lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf ihn.

Schreckenberger obliegt neben einigem anderen die Koordination der Geheimdienste und die Aufsicht über den BND. Sofort war sie wieder da, die leichthin geäußerte Verachtung für das "Bermuda-Dreieck", das Schreckenberger verkörpere und in dem schon einmal, wie die Erfahrung gelehrt habe, Akten und Vorlagen verschwänden. Die Erklärung für das lange Verkennen und das späte Erkennen der politischen Brisanz der Libyen-Connection schien so einfach, so menschlich und so naheliegend. Hans-Jochen Vogel fand für die starke Vermutung die Worte: "Es muß alles auf den Tisch und Schreckenberger in Pension."

Auf dem aufgeräumten Schreibtisch in seinem Büro landen Hunderte von BND-Meldungen im Laufe eines Monats. Alle Informationen, die sich um ABC-Waffen drehen, haben Vorrang. Der Dienst nimmt gewöhnlich Stellung dazu. Er beurteilt, wie glaubhaft die Nachrichten sind und welcher Beweiswert ihnen zukommt. "Sie sind notwendig vage und besitzen unterschiedliche Verifikationsgrade", erklärt Schreckenberger ebenso umsichtig wie umständlich. Die Verdächtigungen, die er von draußen hört, haben kaum verheilte Wunden aufgerissen. Im Kanzleramt selber sei niemand auf den Gedanken verfallen, ihm die Schuld an der verkorksten Affäre zuzuschieben.

Schreckenberger hatte die Neuigkeiten aus Pullach auf die Dienstwege gebracht. Die Zollfahndung wurde nicht fündig, die wichtigsten Ministerien wußten Bescheid, die Staatsanwaltschaft winkte ab: Die BND-Hinweise seien keine rechtlich verwertbaren Beweise. So ging das dahin, vom Sommer 1987 bis zum Washingtoner Besuch Helmut Kohls im Herbst 1988. Die Amerikaner erst machten daraus das angemessene Politikum, ohne sich um juristische Imponderabilien zu scheren. Davon wurde die Bundesregierung heillos überrascht. Der Rest setzt sich zusammen aus hektischer Improvisation, einem Maß an unausrottbarem Regierungsdilettantismus und eilfertigem Rückzug aufs Formaljuristische. Die Querelen darum, ob der BND Asche auf sein Haupt streuen müsse, wirken dagegen fast wie ein rechtzeitig eingefädeltes Ablenkungsmanöver.