Von Richard Cohen

Mein Kollege William Safire hat unlängst eine Kolumne geschrieben, die eine Art internationaler Kontroverse zur Folge hatte. Im Anschluß an die Beschuldigungen, Deutschland habe Libyen beim Bau einer Giftgas-Fabrik geholfen, sagte Safire, gerade die Deutschen sollten sich aus dem Giftgas-Geschäft heraushalten. "Könnte es sein", fragte er, "daß da wieder die ‚guten Deutschen‘ am Werke sind?"

Diese Anschuldigung hat in der Bundesrepublik eine verständliche Welle der Empörung ausgelöst. Leitartikler haben die Frage gestellt, wie lange Deutschland noch die Bürde der Judenverfolgung tragen solle. Auch Politiker zeigten sich gekränkt. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben schon durch Flugzeugunglücke gelitten, an denen Amerikaner beteiligt waren, und durch die Tiefflieger-Affäre. Jetzt sind sie so schlecht wie schon lange nicht mehr. Die Presse berichtete, Bundeskanzler Helmut Kohl habe sich bei Präsident Reagan beschwert.

Vor einigen Jahren bemerkte ein Nahost-Kommentator, ein oft unbeachteter Triumph des Zionismus sei es, daß Israel auch mal das Recht habe, im Unrecht zu sein. Wer von Israel besseres Benehmen erwarte als von anderen Nationen, habe nicht begriffen, was es für die Juden bedeutet, jetzt einen eigenen Staat zu besitzen. Sie können wie andere Nationen sein: durchschnittlich, manchmal im Recht, manchmal im Unrecht.

Das gleiche gilt für Deutschland. Niemand sollte den Holocaust vergessen, und die Deutschen, zu ihrer Ehre sei es gesagt, tun das nicht. Aber deswegen darf es unter ihnen doch Idioten geben und Ignoranten und natürlich, falls die Berichte sich bestätigen, rüde Unternehmer. Wo es um Hilfe bei der Herstellung chemischer Waffen geht, stehen sie auch nicht allein. Außenminister George Shultz zufolge sind auch Unternehmen aus anderen Staaten beteiligt. Sogar die USA mußten einmal einen ehemaligen Geheimagenten wegen Hilfsdiensten für Libyen anklagen.

Pauschal-Verurteilungen wie die von William Safire machen die Betroffenen nur halsstarrig. Wo es um ein einzelnes Unternehmen geht, wird auf einmal der Nationalcharakter beschworen. Die Deutschen fühlen sich zu Unrecht angeklagt. Sie stemmen sich gegen den, so meint das amerikanische Außenministerium, unwiderlegbaren Beweis, daß ein deutsches Unternehmen Libyen bei der Herstellung von Giftgas geholfen hat. An Stelle von klaren Beweisen fühlen sie sich einer amerikanischen Medien-Kampagne ausgesetzt.

Wahrscheinlich werden sie eines Tages mehr Einsicht zeigen. Aber dabei sollten nicht Gefühle geweckt werden, wie sie dem Holocaust angemessen waren. Deutschland hat mehr als andere Nationen, gewiß mehr als Österreich, versucht, mit seiner Vergangenheit fertig zu werden. Es kann sich von dem Mord an Millionen nicht lossagen, aber es hat ein Recht, "schlecht" zu sein wie andere Nationen und kritisiert zu werden für das, was es tut, nicht das, was es einmal getan hat. Wer die Deutschen nur immer wieder auf diesen einen Punkt in ihrer Vergangenheit festnageln will, bekommt die gleichen Reaktionen wie von jedem weißen Amerikaner, dem die Versklavung der Schwarzen vorgeworfen wird. "Was, ich? Ich war noch nicht einmal geboren, als das geschah." Das kann zu einem verzweifelten Zynismus führen.