Als "nicht weltbewegend" schätzen Fachleute die jüngste Ankündigung aus Ost-Berlin ein, die Nationale Volksarmee werde nun, nach dem Vorbild der Roten Armee, einseitig ausgedünnt. Und gewiß haben sie im militärischen Sinne damit nicht einmal so unrecht.

Aber das allein kann nicht erklären, wieso im Verlauf einer Woche der deutsche Staat im Westen bei der Verlängerung der Wehrpflicht bleibt, während der deutsche Staat im Osten auf einen Teil seiner Rüstung verzichtet. Beide handelten vielmehr aus Rücksicht auf ihre Verbündeten: Bonn wollte in der Nato nicht durch eine Abrüstungsvorleistung die Pferde scheu machen; Ost-Berlin wollte durch Abrüstung mit dem großen Alliierten in Moskau Schritt halten. Offenbar müssen immmer noch die Führungsmächte in Ost und West den Deutschen den Weg zeigen, so gern die Russen von der Souveränität der DDR reden und die Bonner auf ihre Eigenständigkeit pochen.

Deshalb kommt es jetzt entscheidend auf die westliche Führungsmacht an. Sie muß die Signale aus Moskau und Ost-Berlin aufgreifen und auch die Partner in Westeuropa dazu bringen, bei den bevorstehenden Wiener Verhandlungen mehr Einfallsreichtum an den Tag zu legen, als die Nato bisher demonstriert hat. Nur dann hätten sich die Chancen für erfolgreiche Verhandlungen durch die jüngste Mitteilung aus Ost-Berlin nennenswert erhöht. –cb–