Wenn erst einmal tüchtig nach einem Sündenbock gesucht wird, wird zumindest eines klar: Es muß eine peinliche Sünde gegeben haben. Je schiefer das Licht, das die Flügeladjutanten des Kanzlers nach dem Libyen-Eklat auf den Chef des Bundesnachrichtendienstes werfen, desto dunkler die Schatten, die auf Kohl fallen. Gegenüber der deutschen Beihilfe für Ghaddafis Chemiewaffenfabrik ging es nicht so sehr um die Frage, wie hart die Beweise zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern wie feinnervig die politischen Reaktionen in Bonn von Anfang an waren.

Mag sein, daß BND-Chef Wieck mit seinem notorischen Anspruch, die Pullacher Informationen bei den zuständigen Politikern unmittelbar vorzutragen, den Bonnern oft genug auf die Nerven gegangen ist. Außerdem würde die Vorstellung einer Regierungsmannschaft, die ergeben am geistigen Tropf des Geheimdienstes hängt, nicht eben Begeisterung wecken. Aber wozu sollen solche Dienste überhaupt dienen, wenn nicht dazu, daß die Politiker sich rechtzeitig auf Kalamitäten einstellen können – falls sie, und darauf kommt es an, es nur wollen.

Am 18. November 1988 gab der Kanzler Aufträge an die zuständigen Ressortchefs: Nun prüft mal schön. Jetzt heißt es, damit sei die Aufgabe des Regierungschefs erfüllt gewesen. Politik auf Wiedervorlage – bis zum nächsten Mal, zum nächsten Skandal. R.L.