Von Gabriel Laub

Der Saal sah wie ein richtiger Gerichtssaal aus. Das war er auch, dieser Sala coniltare, Verhandlungsort des Appellationsgerichts im Sitz der Landesverwaltung der Provincia Venezia. Mit seinen soliden Banken und klassizistischen Fresken aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bemühte er sich, den Eindruck zu erwecken, Venedig sei noch immer eine mächtige Handelsstadt. Für das Publikum, das zahlreicher als bei echten Prozessen den Saal füllte, wurden mehrere Reihen leichter Sommercafé-Sessel aufgestellt.

Das Gericht bestand aus einem Berufsrichter, dem Vorsitzenden Luigi Maria Todaro, und neun Geschworenen; dem öffentlichen Ankläger standen zwei Privatkläger zur Seite; die Verteidigung vertraten echte Rechtsanwälte. Auch die zwölf zugezogenen Experten – Theologen, Rabbiner, Philologen, Kriminologen, eine Anthropologin und ein Klimatologe – waren wirkliche Spezialisten, Universitätsprofessoren und Dozenten. Der Prozeß war keine Inszenierung; es war ein spannend gemachtes Gelehrten-Symposion.

"Es geht hier nicht um Bestrafung, sondern am Wahrheitsfindung", sagte der Vorsitzende bei der Eröffnung des Prozesses. Das ist das Leitmotiv. Dasselbe hatte mir schon vorher der Rechtsanwalt Domenico Carponi Schittar gesagt, der Motor der kleinen Gruppe von Juristen, die den Prozeß initiierte und in vielen Monaten unentgeltlicher Arbeit vorbereitete. Es geht ihnen auch darum, die Schwächen der heutigen Prozeßpraxis aufzuzeigen, bei der die Anklage einen Vorsprung hat, weil sie auch die Ermittlung durchführt. Das Strafverfahren soll aus dem Schema des Duells zwischen den Anwälten beider Seiten losgelöst, die Wahrheit mit Hilfe von Experten von vielen Seiten ausgeleuchtet werden.

In der Prozeßgeschichte, die ich mir vor Jahren ausmalte, versuchten die Juristen, die Ursache des ewigen Mordens unter den Menschen zu klären und die Frage zu lösen, ob wir als Nachkommen Kains zum Morden verdammt seien (sie haben es nicht geklärt und nicht gelöst). In Venedig klagt der öffentliche Ankläger Germano Bellussi, im zweiten Beruf Psychologe, Neofreudianer (außerdem schreibt er noch über Hobbessche Philosophie und Kirchenlehre), auf vorsätzlichen Brudermord. Kain habe seinen Bruder Abel aus Neid und Eifersucht erschlagen.

Er hätte auch gleich wegen Genozid klagen können. Denn wenn man sich streng an den Bibeltext hält, hat Kain, indem er seinen Bruder tötete, ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung ausgerottet. Doch Bellussi meinte, die Genozid-These sei juristisch unhaltbar, als ich ihn darauf ansprach.

Juristisch unhaltbar ist freilich jeder Prozeß gegen Kain. Erstens wurde Kain schon für seine Tat, wie immer man sie qualifiziert, von Gott bestraft, wenn auch ohne Prozeß. Zweitens gab es zu seinen Zeiten noch keine Rechtsnorm, die das Töten verboten hätte. Die erste Norm – "Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll durch Menschen vergossen werden" (Mose, 1,9,6) – wurde Noah von Gott erst nach der Sintflut gegeben, also sehr viel später.