Nun heißt es immer – ein anderes dieser gezinkten Entschuldigungsargumente –, in Deutschland wußte man das schließlich nicht, das war Front, und Krieg ist Krieg, und wo gehobelt wird, da fallen Späne. Ich habe diesen Seelchen-Quark nie geglaubt. Die hatten doch Angehörige? Frauen? Freundinnen? Eltern? Die fuhren doch mal auf Urlaub? Es gab doch Hunderttausende von Augenzeugen – Bahnwärter, Rangierer, Verlader, Reparateure, Gleisarbeiter, Chauffeure, Heizer. Und die haben immer und immer nur geschwiegen – nie dem Vater, der Tante, der Kusine ein Sterbenswörtchen (schöne Vokabel... berichtet? Das stimmt nicht. "Meine liebe Soska", schreibt im September 1942 der SS-Obersturmbannführer Kretschmer an seine Frau. "Es gibt in Rußland, soweit der deutsche Soldat ist, keine Juden mehr... Ich schrieb Dir, daß ich Dir vielleicht einen Persianer besorgen kann. Das wird nichts werden. Einmal bin ich nicht mehr in der Gegend. Außerdem leben die Juden nicht mehr, die damit handelten... Heute habe ich das Päckchen Nr. 2 (Butter) und 3 (2 Büchsen Ölsardinen, 2 Gummibälle, 1x Tee und 2 Rollen Bonbons für die Kinder) abgeschickt. Nach Einsetzen der Kälte bekommst Du gelegentlich, wenn jemand auf Urlaub fährt, eine Gans. Wir sehen hier über 200 Stück herumschnattern, dazu Kühe, Kälber, Schweine, Hühner und Puten. Wir leben wie die Fürsten ... Heute am Sonntag, gab es Gänsebraten (1/4). Am Abend gibt es Täubchen. Die Butter streiche ich dick aufs Brot. Gesüßt wird mit Honig, weil kein Zucker vorhanden ist... Wir können Päckchen bis zu 1 Kg. in beliebigen Mengen versenden... Zur Zeit zähle ich Geld kistenweise, über 110 000.- RM in Rubeln." Will man sich wundern, daß dieser liebende Familienvater – "Hüte mir die Kinder" – zärtlich unterschreibt "Mit Wehmut im Herzen in Liebe Dein Karl"?

So sind auch die Photos des Buches: George Grosz weitergedacht. Mal die Quetschkommode vorm Bauch und das Bier vorm Hals, ein liebes Mädel ist oft dabei und Blumen stehen bei Kaffee und Kuchen auf dem Tisch, man singt wohl etwas von einer schwarzbraunen Haselnuß oder daß eine Ros’marie keine Angst haben möge – und mal ist eben die Reitpeitsche in der Hand, oder die Schlinge vorm Galgen oder die MP am Massengrab; das war voll. Die Züge waren lang – "51 Waggons mit einer Gesamtverladestärke von 8 200 Juden" –, in Treblinka kamen sie oft täglich. Und keiner hat etwas gewußt.

  • Ernst Klee, Willi Dreßen, Volker Rieß (Hrsg.):

Schöne Zeiten

Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1988; 276 S., 29,80 DM