In einer kleinen Holzfabrik im Harz streiken die Arbeiter seit Oktober für einen Tarifvertrag

Von Judith Reicherzer

Hundert Meter vor dem Ortseingang von Hörden, einem kleinen Dorf im Harz, liegt die Holzfabrik Mackensen. Hohe Bretterstapel verstecken die beiden Produktionshallen, den Hof und das Bürogebäude. Hinter den Holzbarrikaden bei Mackensen leimen vierzig Arbeiter Tischlerplatten und Türen. Vor der Einfahrt zur Fabrik stehen ihre Kollegen auf Streikposten – seit dreieinhalb Monaten. In Hörden läuft zur Zeit der längste aktive Streik in der Geschichte der Bundesrepublik. Alle drei Stunden lösen sich die Streikwachen ab, jeweils vier oder fünf Männer und Frauen.

Es ist kalt im Harz, auch wenn in diesem Winter noch kaum Schnee gefallen ist. Unter den beiden roten Sonnenschirmen mit dem Schriftzeichen des Deutschen Gewerkschaftsbundes – DGB – hält es keiner lange aus. Durchgefroren setzen sich die Streikenden dann in einen Anhänger neben der Werkseinfahrt. Dort wärmt ein Heizstrahler die Finger, doch die Füße bleiben eiskalt – trotz Zeitungspapier und Pferdedecken zieht es von unten in den Wagen. Die Ausständischen waren es gewohnt, körperlich schwer zu arbeiten, immer in Bewegung zu sein. Und nun nichts mehr. Wer hätte schon gedacht, daß es so lange dauert?

Am 5. Oktober 1988 haben die in der Gewerkschaft Holz und Kunststoff (GHK) Organisierten der Firma Albert Mackensen, Holzwerk AMO, die Arbeit eingestellt: Einundzwanzig Männer und Frauen standen um sechs Uhr morgens vor dem Tor – zum Streik entschlossen. Die siebzehn nichtorganisierten Arbeiter gingen durch die Gruppe der Streikenden in die Fabrik.

Stolze Unternehmer

Dem Streik waren jahrelange Verhandlungen des Betriebsrats mit Andreas Mackensen vorausgegangen. Der Diplomingenieur hat die Firmenleitung vom Vater übernommen. In der fünften Generation gehört der Betrieb den Mackensens, und bisher gab es keine Probleme mit den Arbeitern. Der Chef sorgte für sie, war für einige sogar Vorbild und Vaterfigur. Doch dann kam Anfang der achtziger Jahre die Bauwirtschaft in die Krise, das Unternehmen konnte sich nur schwer behaupten, und der patriarchalische Führungsstil der Firmeninhaber bekam autoritäre Züge.