Ärzte fanden eine neue Therapie mit Interferon

Weltsensation" und "Weltpremiere" in Bonn? Was Professor Peter Hans Hofschneider, Molekularbiologe am Max-Planck-Institut für Biochemie in München, und Hans-Joachim Obert von der Pharmafirma Bioferon GmbH & Co Laupheim Anfang der Woche auf der Bonner "Wissenschafts-Pressekonferenz" vortrugen, hörte sich fast danach an. Ein neues Präparat, das am vergangenen Dienstag vom Bundesgesundheitsamt in Berlin offiziell für den deutschen Markt zugelassen wurde, verspricht immerhin einigen hunderttausend an chronischem Gelenkrheuma erkrankten Patienten Linderung. Das Mittel, das noch keinen Marktnamen hat, ist ein mit gentechnischen Methoden hergestelltes Interferon – das Interferon Gamma.

Interferon, ein körpereigener Stoff, der künstlich hergestellt werden kann, weckt schon seit Jahren vor allem bei Krebskranken hochgespannte Erwartungen, die sich, von Ausnahmen abgesehen, freilich nicht erfüllt haben. Professor Hofschneider: "Das zeigt, wie tückisch es ist, wenn therapeutische Erwartungen allzusehr auf Emotionen und Überlegungen am grünen Tisch aufgebaut werden." Die These des Wissenschaftlers ist, daß die gegenwärtig verfügbaren Interferone als Medikament "sozusagen selbst auf die Suche nach ihren Krankheiten" gehen müssen.

Daß Hofschneider und Obert zumindest eine Krankheit gefunden haben, bei der sich Interferon Gamma einsetzen läßt, verdanken sie einem gemeinsamen Waldspaziergang, auf dem sie die Frage der Dosierung von Interferon erörtert haben. Anstoß dazu hatte die Zufallstherapie des Hamburger Mediziners Gerd Gross gegeben, der an Genitalwarzen erkrankte Patienten mit einer Intervalltherapie behandelte. Einer Behandlungswoche mit Interferon Gamma folgten vier therapiefreie Wochen. Das Ergebnis des Arztes: Bei mehr als sechzig Prozent aller Patienten heilten die Genitalwarzen vollständig ab und traten danach nicht mehr auf.

Dieser neue Ansatz gab der Grundlagenforschung über die Wirkungen von Interferon einen neuen Anstoß nach dem Motto: Weniger hilft besser. Obwohl die Interferon-Therapie mit niedrigen Dosen bislang als unwirksam galt und daher auch nicht angestrebt war, verfolgten Hofschneider und Obert den Gedanken dennoch weiter. Erste Erfolge damit erzielte der Kölner Arzt Hans Otto Klein bei der Therapie von Patienten mit chronischem Gelenkrheuma (chronische Polyarthritis, rheumatoide Arthritis), einer mit großen Leiden verbundenen Krankheit, die zur totalen Verkrüppelung führen kann. Rund 670 000 Menschen leiden in der Bundesrepublik an dieser Krankheit. Klein behandelte seine Patienten mit extrem geringen Dosen von Interferon Gamma. Fazit der Therapie: Geringe Mengen wirken hilfreich, nur wenig höhere Dosen verschlimmern die Krankheit.

Mittlerweile ist die Therapie der geringsten Dosierung auch klinisch an etwa 800 Patienten erprobt. Das summarische Ergebnis, das Hofschneider und Obert in Bonn bekanntgaben: "Über sechzig Prozent der Patienten mit chronischem Gelenkrheuma sprachen auf die Behandlung an, über vierzig Prozent der Patienten kann dauerhaft geholfen werden." Obert, bei der Firma Bioferon Leiter der Abteilung Klinische Forschung, berichtet sogar von dem Fall einer Patientin, die sich seit siebzehn Jahren nur im Rollstuhl bewegen konnte, wie sie ihm, Obert, zum Dank für die Linderung ihres Leidens einen Blumenstrauß überbrachte – zu Fuß. Schwarzwaldklinik auf einer Wissenschafts-Pressekonferenz in Bonn?

Übertriebene Hoffnungen sollten an diesen Fall der Interferon-Behandlung besser nicht geknüpft werden, zumal es einschlägige Erfahrungen mit Neuerungen gibt. Die Therapie von Diabetikern mit gentechnisch hergestelltem Human-Insulin steht dafür als warnendes Beispiel. Diabetiker, die mit dem künstlichen Human-Insulin behandelt wurden, haben eine gefährliche Überzuckerung ihres Körpers oft erst sehr spät bemerkt.