Von Freddie Röckenhaus

Es war einmal ein Hamburger Großverlag, der küßte ein alternatives Stadtmagazin, und das Szene-Blatt verwandelte sich in einen wunderschönen Prinzen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben sie jetzt viele, viele Kunden, die bei ihnen für gutes Geld Anzeigen schalten.

Das Medienmärchen inszenieren derzeit der Jahreszeiten-Verlag (Petra, Für Sie, Tempo, zuhause, Merian, Jahresumsatz: 300 Millionen Mark) und das Bochumer Ruhrgebietsszene-Blatt Prinz. Mit dem Konzept einer weitgehend gleichgeschalteten Serie von Prinz-Ablegern möchten der Hamburger Verlag und die expansionswilligen Ex-Alternativen aus dem Kohlenpott die regionalen Anzeigenmärkte aller bundesdeutschen Großstädte erobern.

Der Anfang ist gemacht: In Hamburg hat die Prinz-Kommunikation, eine eigens gegründete Tochter vom Jahreszeiten-Verlag (75 Prozent) und Prinz-Bochum (25 Prozent), das bunte, aber finanziell schwindsüchtige Szene-Blatt Tango zum 1. Februar aufgekauft. Neuer Titel von April an: Prinz. In Düsseldorf hat man, unter 49prozentiger Beteiligung eines anonym bleibenden Wurstfabrikanten, gleich einen eigenen Prinzen gegründet (Startauflage in diesen Tagen: 25 000 Exemplare). Der alteingesessene Überblick fühlte sich dort nicht als Frosch und wollte sich nicht küssen lassen. Man blieb lieber dem längst verwässerten Avantgarde-Anspruch treu, statt sich zur Zeitgeist-Filiale von Bochum degradieren zu lassen. Insgesamt, so Trixi Berg, einer der drei Besitzer des Bochumer Prinz-Verlags, sollen durch Kauf und Neugründung binnen zwei Jahren zunächst neun bundesdeutsche Ballungsräume "angeboten" werden.

"Für uns", sagt eine Sprecherin des Jahreszeiten-Verlags, "geht es nicht um ein bahnbrechendes Zeitschriften-Konzept, sondern um einen interessanten Anzeigenmarkt." Während die Szene-Presse, einst angetreten mit der Intention von "Gegenöffentlichkeit für unterdrückte Nachrichten", mit ihren Programm-Kalendern längst ein Faktor auf dem lokalen Werbemarkt geworden ist, ist der bundesweite Markt der Markenartikler bisher nicht zu knacken gewesen. Versuche, mit den beiden Zusammenschlüssen der Szene-Presse, der "Kombination Stadtillustrierte" und der "Szene Programm Presse" auch die großen Zigaretten-, Auto- oder Hifi-Unternehmen zum Inserat zu bewegen, wurden bislang eher dilettantisch betrieben. "Deren Anzeigenverbündete", meint Peter Haenchen, Projektleiter beim Jahreszeiten-Verlag, "sind ja mehr ein gemeinsamer Briefkasten als eine Marketing-Idee."

Da kamen das mit einem gehörigen Schuß hemdsärmeliger Aufsteiger-Mentalität ausgestattete Prinz-Verleger-Trio (neben Trixi Berg noch die Gebrüder Ede und Werner Marcinowski) und ihr alerter Chefredakteur Jochen "Jo" Wüllner gerade recht. Vor gut zwei Jahren hatte das Führungsquartett des braven Herner Szene-Blatts Guckloch die stagnierende Auflage satt. Man beauftragte eine Werbeagentur mit einer Image- und Marktanalyse für das angepeilte Marktsegement, um das unverbindlich-freakige Blatt zur Yuppie-orientierten Lifestyle-Stadtillustrierten aufzurüsten. Ergebnis: Halb so viele Buchstaben, doppelt soviel Layout. Inzwischen ist die Auflage des zum Titel Prinz geadelten und nun in Bochum residierenden Farb- und Hochglanz-Heftes bei stattlichen 52 000 Exemplaren angelangt.

Das Know-how von Blattmacher Wüllner hat offenbar auch Jahreszeiten-Verleger Thomas Ganske, selbst gerade 42, voll überzeugt. Dessen Lieblings- und Vorzeigeobjekt Tempo macht trotz zuletzt 173 000 abgesetzter Exemplare weiterhin monatlich Verluste in sechsstelliger Höhe. Das 17-Millionen-Projekt war ursprünglich als Alternative zum stern für den jungen Erwachsenen auf 400 000 Stück ausgelegt.