Keine der vielen politischen Krisen der vergangenen 40 Jahre war für die Welt so gefährlich wie die Krise um Kuba im Herbst 1962. Dreizehn Tage lang hielt die Weltöffentlichkeit damals aus Furcht vor einem militärischen Zusammenstoß zwischen den beiden Supermächten den Atem an. Daß der Zusammenstoß in allerletzter Minute vermieden wurde, war jedoch nicht, wie bisher überwiegend angenommen, dem erfolgreichen Krisenmanagement des damaligen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy zu verdanken. Ihr Überleben verdankt die Welt in erster Linie glücklichen Zufällen und in zweiter Linie einer zwar späten, aber gerade noch rechtzeitigen Einsicht von Nikita Chruschtschow. Dies ergibt das Buch "Kuba-Krise" von Bernd Greiner.

Der Autor, Historiker bei der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, stützt seine These auf Tonbandprotokolle, die Präsident Kennedy heimlich von den Kabinettssitzungen im Weißen Haus in der Zeit zwischen dem 30. Juli 1962 und dem 8. November 1963 anfertigen ließ und deren Abschriften kürzlich freigegeben wurden. Acht von ihnen dokumentieren die Sitzungen des präsidialen Krisenstabes zwischen dem 16. und dem 27. Oktober 1962. Sie sind das bisher schlüssigste Beweismaterial zumindest für die Motive, Überlegungen und Ziele der amerikanischen Seite in jenen Tagen. Gespräche des Verfassers mit Robert McNamara, McGeorge Bundy sowie dem Sohn und Sekretär des damaligen Chruschtschow-Vertrauten und stellvertretenden sowjetischen Ministerpräsidenten Mikojan im Herbst 1987 ergänzen die Protokolle.

Sie ergeben: Die weit verbreitete Ansicht, der Frieden sei damals durch das überlegene Krisenmanagement der Kennedys gerettet worden, ist eine Legende. Der Präsident, John F. Kennedy, war ein unentschlossener Zauderer, der zwar den Frieden erhalten wollte, sich aber gegen die zahlreichen "Falken" in seiner Umgebung nicht durchsetzen konnte. Und sein Bruder Robert, damals Justizminister und einflußreichster Berater des Präsidenten, war ein engagierter Kalter Krieger, der hauptsächlich aus innenpolitischen Gründen ein direktes militärisches Eingreifen der USA in Kuba forderte.

Die Auswertung der Protokolle ergibt ferner: Die Krise um Kuba entstand nicht durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, sondern aus politischem Kalkül. Moskau unterschätzte den jungen amerikanischen Präsidenten und vor allem den Druck der politischen und militärischen Falken in seiner Umgebung. Der Kreml glaubte, Washington werde eine Stationierung russischer Raketen auf Kuba hinnehmen, wenn die Sowjetführung nur die von Kennedy angestrebte Gipfeldiplomatie zwischen den beiden Supermächten fortsetzte.

Kennedy auf der anderen Seite benutzte die Gelegenheit, um sich für die in der kubanischen "Schweinebucht" erlittene Niederlage zu rächen. Außerdem war Castro für das Weiße Haus das gefährlichste Fanal für die überall in der Dritten Welt drohende soziale Revolution, deren Auswirkungen Washington besonders für seinen lateinamerikanischen "Hinterhof" fürchtete. Ein gewaltsamer Sturz Castros wurde deshalb als entscheidendes Ziel angestrebt.

Bereits am 23. August 1962, vermutlich noch bevor Kennedy Kenntnis von der Installierung russischer Raketen auf Kuba hatte, beschloß er eine gewaltsame Beseitigung des Castro-Regimes. Truppen, Waffen und Flugzeuge wurden nach Florida verlegt. Reservisten wurden einberufen. Am 1. Oktober waren die USA militärisch einsatzbereit.

Zu den engagiertesten Befürwortern einer amerikanischen Invasion Kubas gehörte damals – auch das zeigen die Protokolle – Robert Kennedy (im Gegensatz zu seiner späteren Selbstdarstellung als angeblicher Friedensbefürworter im Zuge seines eigenen Wahlkampfes um die Präsidentschaft). Er befürchtete, die antikubanische Stimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit und vor allem bei vielen einflußreichen Politikern und Militärs könnte das Ansehen und sogar die Position seines Bruders ernsthaft gefährden, wenn er als Präsident eine nachgiebige Haltung gegenüber Kuba verträte.