Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im Januar

Sonntag vormittag in der "Eierschale", Berlins traditionsreichem Jazzlokal im vornehmen Stadtteil Dahlem. Eberhard Diepgen ist zu einer "Jungwählerveranstaltung" angesagt, allerdings ist das Publikum mehrheitlich doch älter als die Rock-Generation. In einer Pause der Omega-Jazz-Band kündigt CDU-Generalsekretär Klaus Landowsky den Matador an und spricht von einer Tradition: Man sei ja auch vor vier Jahren schon hier gewesen. Einige junge Leute erleben freilich zum ersten Mal Politiker so hautnah. Sie sind erst vor kurzem aus der DDR gekommen, wo die Spitzenpolitiker bestenfalls bei der Mai-Parade auf der Tribüne zu sehen sind.

Diepgen hält eine kurze Rede, spricht davon, daß seine Partei über den Tellerrand blickt, redet von Entwicklungen bis ins nächste Jahrzehnt, von der Standortbestimmung Berlins im sich wandelnden Ost-West-Verhältnis, von den Erfolgen in der Deutschlandpolitik und von günstigen Daten bei Investitionen, Arbeitsplätzen und Bevölkerungsentwicklung. Probleme gebe es heute durch Zuwanderung, nicht durch Abwanderung; als Indiz dafür nennt er den Wohnungsmangel. "Aber mit solchen Problemen befasse ich mich viel lieber als mit den Problemen einer sterbenden Stadt", sagt Diepgen und bekommt dafür Beifall. Dann nimmt Kunstprofessor Wallat seine Trompete, und weiter geht’s mit "Lazy River". Berlins Regierender Bürgermeister mischt sich unter das Volk und diskutiert mit erhobener Stimme. "Der redet ja ohne Punkt und Komma", sagt ein Zuhörer.

Es geht um Probleme des innerstädtischen Verkehrs, um Steuer- und Gesundheitsreform; eine Asiatin hat Probleme mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung, und Diepgen notiert sich die Adresse. Kritik kommt eher von rechts als von links. Einer fühlt sich durch die Demonstrationen in der Stadt in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Einem anderen versucht Diepgen zu erläutern, der Eindruck, der Senat stehe nicht hinter der Polizei, sei falsch, trotz mancher Kritik an der Polizeitaktik. "Aber wenn darüber debattiert wird, ob ein Polizist im Steinhagel den Knüppel ziehen darf, kann ich das nicht nachvollziehen", meint Diepgen.

Einer der DDR-Aussiedler, dem das exotischbunte Kreuzberg noch völlig fremd ist, fürchtet Überfremdung und fragt nach der Ausländer- und Asylantenpolitik. "Wir können doch nicht eine Familie mit drei Kindern in Krisengebiete zurückschicken, auch wenn es keine anerkannten Asylgründe gibt", meint Diepgen, und zu den Umsiedlern aus Osteuropa fällt ihm ein: "Neulich hat mir ein alter Mann, der in Schlesien geboren ist, mit Tränen in den Augen erzählt, daß er in Polen jahrzehntelang als Deutscher diffamiert wurde, und jetzt behandelt man ihn hier als unerwünschten Polen."

Im Vorgarten der "Eierschale" spielt eine Blaskapelle, es gibt Freibier und Grillwürste. Ein Zehlendorfer CDU-Mann meint: "Wenn wir Stimmen verlieren, dann am rechten Rand. Die Leute regen sich auf, daß Kultursenator Hassemer Steuergelder für Kunst ausgibt, die sie nicht verstehen. Und sie erinnern daran, wie vor zwanzig Jahren die CDU dem SPD-Senat vorgeworfen hat, daß an den Universitäten rechtsfreie Räume zugelassen würden – und jetzt mache die CDU genau das gleiche. Das regt die Menschen auf, jedenfalls bei uns in Zehlendorf."