Derzeit wirbt die SPD für den Wohlstand in Berlin mit einem verfetteten Pärchen, das im Bett frühstückt und erklärt: "Wir haben uns entschieden!" – nur weiß niemand, wofür. Und die CDU hat ihre Diepgen-Plakate "Ihn braucht Berlin" durch ein hybrides "Ihn will Berlin" ersetzt. So sicher ist die CDU ihrer Sache, daß sie sogar dem SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel an seine Berliner Adresse einen Brief mit der Bitte schickte, Eberhard Diepgen wiederzuwählen, wie der Empfänger bei einem Treffen mit Künstlern im Haus des Schauspielers Joachim Bliese erzählte.

Daß die CDU zuversichtlich ist und voll auf Diepgen setzt, hat gute Gründe. Die Wahlprognosen geben der Koalition von CDU und FDP nach einer Befragung des Forsa-Instituts eine zwar nicht mehr so komfortable, aber doch sichere Mehrheit der Sitze im Abgeordnetenhaus bei folgendem Wahlergebnis: CDU 43 (Wahl 1985: 46,4), SPD 38 (32,4), Alternative Liste zehn (10,6) und FDP sechs (8,5) Prozent; die übrigen sechs Parteien, die sich zur Wahl stellen – einschließlich der kommunistischen SEW und der rechtsextremen "Republikaner" –, müssen sich demnach die restlichen drei Prozent teilen.

Dabei scheint die SPD noch ein wenig überschätzt und die FDP unterschätzt zu sein. Nach einer Infas-Umfrage kann die Koalition sogar mit 52 Prozent der Stimmen rechnen. Und 55 Prozent wünschen sich Diepgen als Regierenden Bürgermeister; seine Sympathiewerte sind allesamt deutlich höher als die des Gegenkandidaten Walter Momper: charmant 69:7, weltoffen 62:14, modern 52:13, aber auch arrogant 29:19. Konsequent wirbt die SPD daher nicht mit Portraits des Parteivorsitzenden – aber auch sein Schattenkabinett bleibt sehr im Schatten.

Hinzu kommt, daß die CDU-FDP-Koalition unbestreitbare Erfolge aufzuweisen hat. Die Berliner Wirtschaft wächst überdurchschnittlich, die Wirtschaftsstruktur verbessert sich zusehends, die Zahl der Arbeitsplätze steigt seit Jahren, freilich ohne daß die Arbeitslosenzahl sinkt. Die Bevölkerungszahl wächst vor allem durch Zuwanderung aus dem Bundesgebiet; in Verhandlungen mit der DDR wurden zahlreiche wichtige Erfolge erzielt; und das Stadtbild wurde nicht zuletzt durch den Fassadenputz zum Jubiläumsjahr unübersehbar verschönt. Für die wahlschädigende Gesundheits- und Steuerreform will sich Diepgen hingegen nicht verantwortlich machen lassen: "Auch ich habe manches zähneknirschend hinnehmen müssen, was in letzter Zeit anderswo entschieden worden ist." Mehr soziale Gerechtigkeit will er "notfalls auch gegen Bonn" durchsetzen. Die Opposition hat dann Mühe, deutlich zu machen, "daß es die gleiche CDU in Berlin ist, die in Bonn die Beschlüsse gefaßt hat".

Wie sehr die größte Regierungspartei unbequemen Entscheidungen ausgewichen ist, fällt dagegen weniger auf: Für die jahrelange Intendantenkrise des SFB ist die CDU zumindest mitverantwortlich. Der Verfassungsschutz wird nicht in seine gesetzmäßigen Grenzen verwiesen. An Universitäten beklagen Studenten und Professoren die "absolute Resignation" des Senats. Fragt man CDU-Politiker, ob sie sich nicht manches doch zu einfach machen, dann lautet die Antwort, die Opposition sei eben "sehr pflegeleicht", programmatisch uneinig und in einer "tiefen Orientierungskrise". "Das Dilemma der Sozialdemokraten", meint ein Politologe, "ist es, daß sie Wähler von der CDU und von den Alternativen zugleich zurückgewinnen wollen. Und weil sie niemanden verprellen möchten, ist ihr Wahlkampf so blaß." Der SPD-Spitzenkandidat Walter Momper sieht das ganz anders. "Es wäre ein politisch falscher Ansatz", sagt er, "wenn wir nach rechts oder links zielen würden. Es kommt vielmehr darauf an, eine glaubwürdige Gesamtpolitik zu machen." Bei der Sicherung des Überlebens durch Umweltschutz, der Sicherung des Friedens, aber auch bei der Sozialpolitik und bei Frauenthemen würden die Wähler der SPD noch immer die größere Kompetenz zutrauen. Der argumentative Wahlkampf finde ohnehin nicht in vier Wochen statt: "In den letzten zwei Jahren haben wir das Profil der Partei von unten verbessert. Wir wollten nicht wieder auf ein paar Figuren oder einen Spitzenkandidaten setzen, der alles rausreißt, sondern das Ansehen der Partei in der Bevölkerung stärken. Das haben wir nicht überall geschafft, aber in vielen Bereichen eben doch."

Zu Mompers Konzept der Erneuerung nach den letzten Wahlschlappen gehörte auch, den Sachverstand derjenigen Sympathisanten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zu gewinnen, die nicht die Zeit für die Ochsentour vom Kassierer zum Kreisvorsitzenden haben und die deshalb keine Chance hatten, weil sie keiner Seilschaft angehörten. Momper meint, das sei auch gelungen: "Wir haben aus allen Bereichen Unterstützung bekommen, ich habe auch persönlich viel Hilfe erhalten." Andere Genossen sehen das kritischer: "Das Schlagwort hieß: Neue Schichten erschließen. Aber die Partei kann nicht mal die eigenen Schichten erschließen. Jetzt rächt sich, daß mit den Repräsentanten der sechziger und siebziger Jahre Tabula rasa gemacht wurde." Bis auf den altlinken Harry Ristock ist die alte Garde nicht mehr in der SPD aktiv, sondern in der Kirche, im diakonischen Werk, im Journalistenverband, in der freien und öffentlichen Wirtschaft, bestenfalls noch im Bundestag. Vertraute Gesichter gibt es in Mompers Mannschaft kaum.

Personal- und Nachwuchsprobleme haben freilich alle Parteien. "Das Abgeordnetenhaus", meint ein ehemaliger Abgeordneter, "ist attraktiv nur noch für Beamte, arbeitslose Akademiker und Berufspolitiker. 1970 erhielt ein Abgeordneter rund 1000 Mark Entschädigung und Kostenpauschale, jetzt sind es 5000 Mark im Monat. Davon kann man schon leben. Aber der Zeitaufwand ist immer größer geworden. Der Apparat bläht sich auf und erfordert einen höheren Kontrollaufwand. Und je größer der Apparat, um so anfälliger wird das System. Die Zahl der Anfragen ist inflationär gestiegen. Das Parlament kümmert sich um immer mehr Details. Wer noch einen ordentlichen Beruf ausüben will, kann heute kein Parlamentarier sein. Das erklärt die abnehmende Qualität des Parlaments. Immer mehr Spitzenpolitiker erleben ihre Sozialisation in den Kungelkreisen der Parteien und nicht im wirklichen Leben." Nahezu die Hälfte der Bewerber um ein Abgeordnetenmandat kommt aus dem öffentlichen Dienst.