Südwest III, Dienstag, 31. Januar, 20.15 Uhr: "Der Maler kam aus fremdem Land" von Lutz Dambeck

in Film über jüngere DDR-Maler, die in den Westen ausgerissen sind oder ausgereist, wie es im Amtsdeutsch heißt; ein Film zum Doppelsinn des Wortes "ausreißen". Eine Malerin erzählt, wie sie schon in der DDR ausgerissen ist, im Urlaub auf Rügen, wenn sie in klaren Nächten die fernen Lichter am Horizont sah und fest daran glaubte, "ein Stück Dahinter erhascht zu haben". "Wir haben Schweden gesehen", wird sie in der Kneipe des Küstendorfes prahlen, und man wird sie auslachen und belehren, daß sie die DDR-Küstenwacht-Lichter sah.

Im Westen unternimmt die Malerin ihre erste Griechenlandreise und lernt eine andere Art von Küste kennen: "Nicht mehr nur das Stück Wasser, hinter dem eine verschlossene Welt liegt, sondern wirkliches Wasser". Freilich gehe es einem in der DDR als Künstler besser: man lebe sicherer, ohne Existenzangst; doch das Gefühl bleibe unabweisbar, den Anschluß zur eigentlichen europäischen Kultur niemals zu finden. Was empfindet sie, wenn sie an die Verwertbarkeit dessen denkt, was sie malt?

Ihr Malerkollege lebt in West-Berlin, dicht an der Mauer: "Das Gefühl des Eingesperrtseins ist nie zu Ende, vielleicht ist die Mauer in mir viel älter als die da draußen". Er ist bei seinem Motiv, den Riesenvögeln geblieben, hat den Faden nicht verloren, vielleicht aber ein Publikum, das jede Andeutung von Fortbewegung im unbegrenzten Raum als eine Chiffre des Widerstands verstanden hat.

Lutz Dambeck stellt drei DDR-Künstler vor, die sich auch im Westen noch so ernst nehmen, wie sie es in der DDR taten. Dieser leise, "gedackte" Ton der Statements und des Kommentars, diese düsteren Kreuzberger Innenansichten und die dazu passenden hochfliegenden Ansprüche, in der M-L-Sprache der DDR-Kunsthochschulen "ganz locker" vorgebracht – das ist so typisch, wie es typischer kaum denkbar ist. Und es wirkt vor den dazwischengeschnittenen Videospiel-Szenen nicht nur komisch und rührend. Man kann die Ausgerissenen auch bewundern für ihren unzeitgemäßen Stolz, beneiden um ihren empfindsamen Autismus. Martin Ahrends