Am schlagendsten ist es immer, wenn man Daten, die einem mißfallen und die man bezweifelt, andere Daten entgegenzusetzen hat, die andere Schlüsse nahelegen. Christine Keitel und Sybille Schütte haben Camilla Benbows Beunden, die ich in meinem Artikel wiedergegebei hatte, anscheinend nichts Reelles entgegenzusehen.

Statt dessen geben sie sich einem in Deutschland arg beliebten Gesellschaftsspiel hin: in undeutlichen, aber schneidigen Worten die Wissenschaften anzuschwärzen, denen der mißliebige Befund entstammt. "Positivistisch" und vor allem "bthavioristisch" sollen sie sein, kurz: typisch amerikanisch, "unsäglich". Mit "positivistisch" kämen sie nur meinen, daß die betreffenden Forscher/innen eine Menge Datenmaterial erhoben haben, ehe sie ihre Schlüsse zogen. Und "behavioristisch"? Entweder haben Keitel/Schütte einen sehr privaten Begriff von Behaviorismus; oder ihre Feststellung ist Nonsens. Wie sie selber einmal erwähnen, gibt es in der amerikanischen Psychologie den Behaviorismus so gut wie gar nicht mehr; und die Zeitschrift BBS als sein Organ hinzustellen, ist höchstens ein schlechter Witz. (Eine Diskussion in ihrer letzten Ausgabe hat gerade eins seiner überlebenden Dogmen begraben: daß Lernen von Belohnung und Strafe gesteuert werde.)

Statt pauschal ganzen Forschungsrichtungen irgendwelche pejorativen Etiketts aufzukleben, sollter Keitel/Schütte lieber explizieren, worin die Fehlerhaftigkeit der ihnen nicht genehmen Untersuchungen denn nun bestehen soll, welche Prämissen sie ungeprüft lassen, wo ihre Logik defekt ist. Sie versuchen es nicht einmal.

Wonach fragt der amerikanische Studienfähigkentstest SAT, mit dem Benbow gearbeitet hat? Keitel/Schütte: "Ob man gelernt hat, Tests zu bestehen" und "inwieweit ein durchlaufenes Mathematikprogramm den Schüler befähigt, darauf zugeschnittene Fragen richtig zu beantworten. Der Beweis mathematischen Denkens wird weder gefordert noch erbracht." Klar, daß auch die Erfahrenheit mit Tests im allgemeinen in die Ergebnisse jedes Tests eingeht; aber haben Mädchen und Jungen etwa nicht gleiche Testerfahrungen hinter sich? Keineswegs jedoch fragt der mathematische Teil des SAT den Lernstoff der letzten Schulklassen ab. Er stellt vielmehr eine Reihe von jeweils neuen Aufgaben, zum Beispiel die: "Ein Mann hinterließ seiner Tochter 2/5 seines Besitzes und seinen drei Söhnen je 1/20. Den Rest bekam seine Frau: 1/5? 3/10? 7/20? 2/5? 9/20?" Das weiß man nicht aus dem Unterricht. Dazu muß man nachdenken. Benbow, und wahrhaftig nicht nur sie, nennt die Art des Nachdenkens, die zum Lösen derartiger Aufgaben nötig ist, "mathematisches Denken". Was wäre dagegen einzuwenden?

Bedauerlich in der Tat, daß man noch nicht anzugeben weiß, welche kognitiven Prozesse im einzelnen an diesem, "mathematischen Denken" beteiligt sind (Inge Schwanke hochinteressante Untersuchungen bringen uns dem Verständnis ein Stück näher); daß man, kurz gesagt, bisher keine Theorie des mathematischen Denkens hat. In der 555-Diskussion wurde es rundum bedauert Aber bekanntlich kommt in den empirisch-objektiven Wissenschaften erst die Beobachtung und dann erst die, Theorie. Jahrzehnte vor ihrer theoretischen Durchdringung wurde die Elektrizität zu Recht für etwas Reales gehalten und wirkungsvoll eingesetzt. Die Aufforderung, keiner Beobachtung zu trauen, solange die Theorie dafür aussteht, kommt mir immer vor wie eine Aufforderung zum Sich-dumm-Stellen. Keine Sorge, die Theorie wird sich schon finden, um so eher und treffender, je mehr Daten zutage gefördert werden.

Leitbild Kassiererin

Ganz zum Schluß erwähnen Keitel/Schütte eine einzige Untersuchung, die ihre Meinungen empirisch stützen soll (und wohl darum kein unsäglicher Behaviorismus ist). Welchen Platz sie im Konzert der einschlagen Forschung findet, wird sich erst herausstellen, wenn sie ganz veröffentlicht ist. Daß sie viel beitragen wird zu der Frage, ob mathematische Hochbegabung bei Mädchen tatsächlich seltener ist, wage ich schon jetzt zu bezweifeln. Die erste Gruppe der getesteten Schüler bestand aus 12- und 13jährigen, also Kindern einer Altersstufe, auf der das Schulfach Mathematik noch weitgehend Rechnen ist. Der zweiten Probandengruppe gehörten Mädchen und Jungen der Schulabschlußklassen an. Hier aber ist in fast allen Ländern Mathematik nur noch ein wahlfreies Fach, für das sich, wie die Studie ausweist, deutlich weniger Mädchen als Jungen entscheiden – im Verhältnis eins zu drei und eins zu vier. Wenn die Leistungen dieser Schülerinnen denen ihrer männlichen Altersgenossen nicht nachstehen, sagt dies leider nichts über die Häufigkeit mathematischer Hochbegabung in beiden Geschlechtern, die Benbows (und mein) Thema war.