Der Faust im Nacken

Eine Woche lang hörten wir an dieser Stelle nichts von Burgtheaterdirektor Claus Peymann. Unruhe im Feuilleton, Verzweiflung in der Leserschaft. Doch nun gibt es gleich doppelten Grund, die viel zu lange Peymann-Pause zu beenden. Erstens hat der Burgtheaterdirektor (auf eigene Kosten!) eine voluminöse, höchst lesenswerte Dokumentation zum "Heldenplatz"-Skandal publiziert, die auch im deutschen Buchhandel erhältlich ist. Zweitens hat sich die österreichische Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek dazu durchgerungen, den Vertrag des mit unverminderter Leidenschaft umkämpften Direktors um zwei Jahre, also bis zum Sommer 1993, zu verlängern. Der Schauspieler Gert Voss empfand darüber "eine ungeheure Freude", der Schauspieler Franz Moral, Anführer der Peymann-Feinde, wohl eher eine ungeheure Wut. Daß Peymann die Vertragsverlängerung zur Voraussetzung für ein neues "Faust"-Projekt gemacht hat, gab den Wiener Zeitungen den Vorwand, von erpresserischem Verhalten zu reden – Ministerin Hawlicek habe bei ihrer kühnen Entscheidung vermutlich "den Faust im Nacken" gespürt. In der Süddeutschen Zeitung wiederum überraschte Professor Otto F. Beer mit der Enthüllung, daß dem Direktor Peymann mit dem Ende seines nun verlängerten Vertrages eine Burgtheaterpension sicher sei. Dem Leser schwindelt. Wenn das ZEIT"-Feuilleton also Ende 1993, wie in jedem Jahr, die Statistik über die "Pensionisten der Bundestheater" veröffentlichen wird, muß unter der Rubrik "Versorgungsgenüsse" (oder "Außerordentliche Versorgungsgenüsse"?) auch Claus Peymann mitgezählt werden. Dann können wir in Frieden sterben.

Moskauer Späße

Während es früher genügte, eine einzige Zeitung, vielleicht die Prawda, nicht zu lesen, müssen Moskauer Leser jetzt immer mehrere Zeitungen lesen, wenn sie auf dem Laufenden bleiben wollen. Es gibt nämlich, als Folge von Glasnost, immer mehr Fehden, und die Zeitungen bekämpfen einander aufs schönste. Da druckte zum Beispiel kürzlich die Sowjetskaja Rossija ein ziemlich übles Stück gegen den Schriftsteller Lew Kopelew, der 1980 ausgebürgert wurde und in der Bundesrepublik lebt. "Berufliche Impotenz" warf der Autor ihm vor und nannte ihn einen "bezahlten Feind". Daraufhin veröffentlichte die Illustrierte Ogonjok eine Erklärung verschiedener Intellektueller und Schriftsteller, darunter Fazil Iskander, Bulat Okudschawa und Andrej Sacharow, die Kopelew verteidigten und den Artikel in der Sowjetskaja Rossija "boshaft und verleumderisch" nannten. So hätten also die russischen Leser endlich ihren Spaß? Das auch. Aber es geht um mehr. Zur selben Zeit, da die Attacke gegen Kopelew erschien, wurde ihm die Einreise in die Sowjetunion verweigert. Es geht um die Zukunft der Perestrojka. Immer noch ist sie nicht unumkehrbar. Und solange sie das nicht ist, werden die Leser, die viele Zeitungen lesen, beim Lachen immer auch ein bißchen zittern.

Bruce Chatwin

Als er eines Morgens erwachte, war er, so geht die Legende, blind geworden. Der Arzt verordnete ihm "ferne Horizonte" gegen die rätselhafte Augenkrankheit. Bruce Chatwin gab seine Arbeit bei Sotheby’s, wo er die Impressionisten betreut hatte, von einem Tag auf den andern auf und wurde zum Nichtseßhaften, der dem fernen Horizont entgegenging. Und Chatwin reiste. Er fuhr ins dunkle Herz Australiens und ans Ende der Welt ins antarktische Argentinien, er durchquerte die Wüste Gobi und besuchte den melanesischen Archipel, er wurde in Dahomey als Söldner ins Gefängnis geworfen und sprach in Prag mit einem Experten für die Meißner Porzellanmanufaktur Augusts des Starken, Immer war er auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen. Chatwin verachtete das empfindsame Reisen, wie es seit Laurence Sterne dem Intellektuellen vorgeschrieben war. Anders als die Steckenpferdritter alter englischer Schule war er schamlos neugierig; ihn tastete es nach dem Exotischen, als war’s Pornographie. Er hatte keinen Blick für die Schönheiten dieser Welt, aber er hatte ein Ohr für die Geschichten von anderen Reisenden, die ebenfalls nach dem fernen Horizont unterwegs waren. Und Chatwin fing an zu schreiben: Er erzählte von den bizarren italienischen, baltischen, deutschen und englischen Kolonien in Argentinien ("In Patagonien"), von den heillos miteinander verbundenen Zwillingen auf einem Hof in Wales ("Auf dem schwarzen Berg"), von einem brasilianischen Sklavenhändler, der es zum Statthalter in Afrika brachte ("Der Vizekönig von Ouidah"), von der Musiksprache der australischen Aborigines ("The Songlines"). Mit wahrer Verzweiflung, der Verzweiflung des verspäteten Reisenden, hatte er sich die Welt noch einmal vollkommen fremd gewünscht. Am Mittwoch letzter Woche ist Bruce Chatwin, 48 Jahre alt, in Nizza gestorben.