Zum Untersuchungsfeld "kognitive Geschlechtsunterschiede" wurden in den 80er Jahren mehrfach alle existierenden Studien zusammengetragen. Die letzte 1988 durchgeführte Metaanalyse beinhaltet Daten aus 165 Untersuchungen an 1 418 899 Personen. Die Ergebnisse dieser Studien besagen: Die bestehenden Geschlechtsunterschiede hinsichtlich räumlichem Sehen, mathematischer Fähigkeiten und verbaler Kompetenzen sind nur zu 1-5 Prozent auf den Faktor Geschlecht zurückzuführen, die restlichen 95-99 Prozent müssen durch andere Faktoren erklärt werden. Dabei variiert die Feststellung kognitiver Geschlechtsunterschiede stark mit dem Jahr der Publikation: Studien der 70er Jahre berichten von größeren Unterschieden als Studien der 80er Jahre, in denen eine Angleichung der Leistungen von Jungen und Mädchen beobachtet wird.

Kognitive Geschlechtsunterschiede stehen in starkem Zusammenhang mit der Auswahl der getesteten Stichprobe: In bestimmten Studienrichtungen und Berufen finden sich durch Selbstselektion mehr Männer oder Frauen, womit deren Fähigkeiten eher auf die Selektion als auf das Geschlecht zurückzuführen sind. In unselektierten Stichproben verringerte sich der Unterschied deutlich. Die Ergebnisse der Studien über kognitive Geschlechtsunterschiede hängen auch vom Geschlecht des Autors ab: Jene von männlichen und weiblichen Forschern unterschieden sich signifikant. Physiologische Erklärungen wie die der Lateralisierungstheorie gelten selbst in den Augen der Begründer als bisher nicht ausreichend belegt. Um die Sozialisationstheorie zu widerlegen, bedarf es stärkerer Argumente als den Hinweis auf die geringere Zahl mathematisch hochbegabter Mädchen.

Die Schlußfolgerungen der meisten Autoren der 80er Jahre lautet: Kognitive Geschlechtsunterschiede stellen Stereotypen dar; diese haben keinen Vorhersagewert für berufliche Leistungen. Auch wenn am Extrempol eines mathematischen Leistungstests (über 95 Prozent müssen gelöst sein) das Verhältnis von Männern zu Frauen 1:1 ist, bietet dies keine Erklärung dafür, warum zum Beispiel in Ingenieurberufen nur ein Prozent Frauen arbeiten. Dem umgekehrten Vorurteil entsprechend, daß Männer schlechtere verbale Fähigkeiten besitzen (was in früheren Studien parallel zur "Überlegenheit" im räumlichen Sehen "belegt" wurde), wäre es unklug, wichtige Positionen oder Verhandlungen Männern zu überlassen.

Bei den Fragen, ob Geschlechtsunterschiede auf welchen Gebieten und warum vorhanden sind, ist die Psychologie noch nicht an der Weisheit letztem Schluß angelangt. Das beweist ein Blick in die ’zig psychologischen Zeitschriften, die diesen Themenbereich behandeln. Bis dahin lassen wir doch lieber die Geschlechtsunterschiede dort, wo sie eine Aussagekraft haben: Im Bereich der zwischenmenschlichen Attraktivität!

Die Autorin ist Sozialpsychologin an der Gesamthochschule Wuppertal