Richard von Weizsäckers Versuch einer deutschen Versöhnung

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Januar

Es ist nicht mein Lebensweg, der mich besonders legitimierte, über den Ihrigen zu sprechen. Unter meinen Gästen sind viele alte Gefährten von Ihnen, die dazu ein besseres Recht hätten. Es ist aber die Sache meines Amtes und meines Herzens auszudrücken, warum Ihnen unser Volk Dank und hohe Achtung schuldet."

Spätestens als Richard von Weizsäcker zu dieser Stelle seiner Laudatio auf Willy Brandt gekommen war, konnte bei dem internationalen Geburtstags-Mittagessen in der Villa Hammerschmidt jeder spüren, wie fern an diesem Tag alle Routine und Pflicht waren. Nichts war selbstverständlich, für Weizsäcker nicht, für den 75jährigen Brandt nicht, dessen illusionsfreier fester Friedenswille, Mut und Humanität ihn "zu einer der großen Leitfiguren in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg" gemacht haben, wie der Bundespräsident fast provozierend unzweideutig formulierte. Und selbstverständlich ist das alles auch nicht in Deutschland.

Richard von Weizsäcker und Willy Brandt: Nach außen stehen sie gewiß beide für das "gute" Deutschland, nach innen ist Richard von Weizsäcker die allgemein respektierte Projektionsfigur. Willy Brandt dagegen ist noch immer ein Politiker, den viele ablehnen und an dem viele sich reiben, ohne sich wahrhaft über die Gründe Rechenschaft abzulegen. Sie könnten ins Grübeln kommen.

Weizsäcker kennt die Verhältnisse, Brandt bekam sie zu spüren. Gerade das aber hat die Geste des Bundespräsidenten zu einem Politikum gemacht, das in gewisser Weise beispiellos war: vierzig Gäste aus aller Welt – deswegen fanden nicht einmal die engsten Freunde Brandts allesamt Platz – in der Villa Hammerschmidt, um Brandt zu ehren.