Einblicke in die siebzigjährige Geschichte deutscher C-Waffen-Exporte

Von Rudibert Kunz und Rolf-Dieter Müller

Das Auslandsgespräch wurde sofort zum Direktor durchgestellt. Der Anrufer war aufgeregt: ein Notfall. Er spreche im Auftrag der technischen Abteilung des Ministeriums. In der Gasfabrik sei ein Unglück geschehen, ein Rohr oder Kessel gerissen. Die gesamte Bedienungsmannschaft verletzt, ein Mann tot. Es bestehe große Gefahr für die Umgebung. Ein Sachverständiger, der Chef selber müsse sofort kommen. Alle Spesen, alles werde selbstverständlich bezahlt. Noch heute abend erwarte man telegraphisch Nachricht, wann der Experte eintrifft...

Das Telephonat kam nicht aus Libyen, der Unfall passierte nicht in der Nervengasfabrik (Tarnname „Pharma 150“) in Rabta südlich von Tripolis, der Hilferuf ging nicht an die Imhausen-Chemie im badischen Lahr, und das Gesprach wurde nicht im August 1988 von amerikanischen Geheimdiensten abgehört, sondern es wurde vom Firmenchef selber notiert, und zwar ein halbes Jahrhundert früher – im November 1937. Das Kriegsministerium in Belgrad bat dringend den Hamburger Chemiefabrikanten und Giftgasspezialisten Dr. Hugo Stoltzenberg nach Jugoslawien. In dem von Stoltzenberg entworfenen und erstellten Kampfstoff-Werk (Codewort „Zellstoff-Fabrik“) in Ravnica sudlich von Belgrad war die Produktionsanlage für das Hautgift Lost (damals der „König der Kampfstoffe“) außer Kontrolle geraten, das Gebäude durch die tödliche Chemikalie verseucht. Die einheimischen Techniker reagierten mit Panik – ein Phänomen, wie es auch von dem libyschen Storfall berichtet wird. Damals wie heute: Die Meister mußten her, um die Geister zu bändigen und alles wieder zu richten.

Die Fabriken in Ravnica und Rabta sind zwei aus einer langen Liste von Giftgasanlagen, die von deutschen Firmen – ungeachtet aller Verbote, mit oder ohne Wissen der Regierung – seit Ende des Ersten Weltkrieges exportiert, für einen anderen Staat geplant und gebaut wurden: die jugoslawische allerdings war nicht die erste, die in Libyen nur bis jetzt die letzte.

Beim Geschäft mit der C-Waffentechnik ging es früher vor allem um Macht, heute geht es eher um Profit. Meist funktionierte die Abschirmung: Hier ein Gerücht, da ein Verdacht und dort eine bruchstückhafte Information – mehr kam nur über ganz wenige Fälle an die Öffentlichkeit. So zum Beispiel beim Projekt IKO in der Sowjetunion, das 1926 von der britischen Presse und dann von den Sozialdemokraten im Reichstag angeprangert wurde, oder bei der Irak-Geschichte und jetzt bei der Libyen-Affäre. Auch die Historiker konnten über den per Aktenforschung zugänglichen Zeitraum bis 1945 wenig zu dem brisanten Thema herausbekommen. Denn zumindest auf deutscher Seite gibt es über die gastechnische Hilfe von Militär und Industrie wenig Schriftliches. Kaum war ein Projekt abgeschlossen, wurden viele Akten vernichtet, auch bei den Firmen.

Unter diesen Umständen war es ein absoluter Glucksfall, als vor wenigen Jahren Notizen und Privatakten des Hugo Stoltzenberg auftauchten, die auch unserer Darstellung zugrunde liegen. Stoltzenberg (1883-1974) agierte jahrzehntelang in vorderster Linie der Kampfstoffrüstung. Er selber vollzog den Gastechnik-Transfer nach Spanien (1921/27), in die Sowjetunion (1923/27), nach Jugoslawien (1927/31) und Brasilien (1937/42). Er berichtet weiter, daß auch Japan, China, Rumänien, die Türkei und Schweden das gesamte Know-how in dieser Zeit erhielten und daß zumindest spezielle Produktionsverfahren Ende der zwanziger Jahre an Italien gingen.

Die Aufzeichnungen Stoltzenbergs und die bekanntgewordenen Details aus dem Giftgashandel mit Ghaddafi offenbaren eine ungebrochene Tradition von Tarnung und Täuschung, Profitgier und Skrupellosikeit, Vertragsbruch und politischer Heuchelei – sieben Jahrzehnte geheimster Aktivitäten. Das Geschäft mit Libyen war die jüngste Variante einer alten, schlechten Gewohnheit.

Kaum war der große Krieg vorbei, der erste wie auch der zweite, da gaben sich schon wieder die Waffenkäufer die Klinke in die Hand und das ausgerechnet beim Verlierer. Im Ersten Weltkrieg bedeutete Giftgas die erste Massenvernichtungswaffe der Weltgeschichte, erstmals eingesetzt vom deutschen Heer am 22. April 1915 bei Ypern. Am Ende des Krieges waren nur vier Staaten wirkliche Gasmächte: Deutschland, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Frankreich. Italien und Rußland verfügten nur über wenige C-Waffen.

Interessenten wandten sich nach dem Krieg hauptsachlich an den Erfinder und gleichzeitigen Marktführer: an Deutschland und seine überragende chemische Industrie. Diese hatte entscheidend mitgewirkt bei der Retortengeburt und der Entwicklung des Gaskrieges. Sie war die Mutter, wahrend der Generalstab als Vater und (der spätere Nobelpreisträger) Professor Fritz Haber als Geburtshelfer fungierten.

Die Verwendung tödlicher Chemikalien auf dem Schlachtfeld war von Anfang an, nicht nur von den Kriegsgegnern Deutschlands, als abscheulich und barbarisch verurteilt worden. Für die Sieger von 1918, allen voran Frankreich, war diese Form der industriellen Kriegführung eine Verletzung geltender Konventionen – ein Kriegsverbrechen, das bestraft und dessen Wiederholung für alle Zukunft verhindert werden mußte. Folgerichtig wurde Deutschland im Versailler Friedensvertrag vom Juni 1919 die Ein- und Ausfuhr von „Waffen, Munition und Kriegsmaterial irgendwelcher Art“ verboten, ebenso in einem Sonderparagraphen die Herstellung und der Import von „erstickenden, giftigen oder anderen Gasen oder ähnlichen Flüssigkeiten, Stoffen oder Mitteln“. Untersagt wurde sogar die Betätigung im Gasschutz. Die Chemiefirmen mußten Produktionsanlagen demontieren, die für Kampfstoffe oder Vorprodukte geeignet waren.

Spaniens Gaskrieg in Marokko

Große Unternehmen, die besonders im Blickfeld der Sieger standen, schworen Abstinenz vom Giftgas, jedenfalls bis zum nächsten profitreichen Geschäft. Alliierte Militärkommissionen überwachten die Einhaltung der Rüstungsbeschränkungen. Die Reichswehr aber dachte nicht daran, den als Diktat empfundenen Friedensvertrag einzuhalten, schon gar nicht im Punkt Giftgas. Ohne chemische Kampfstoffe, so die Überzeugung, wäre das Reich nicht nur völlig wehrlos allen Pressionen ausgeliefert gewesen, es hätte auch gar keine Chance gehabt, Versailles jemals gegen den Willen der Entente zu revidieren. Daß die anderen Gasmachte an dieser Waffe, wenn auch in stark vermindertem Umfang, festhielten, war eine willkommene Rechtfertigung für den Vertragsbruch.

Auch die weiteren Bemühungen um ein generelles Verbot der chemischen Kampfstoffe kamen nicht ans Ziel – bis heute nicht. Lediglich der Verzicht auf den Ersteinsatz von chemischen und biologischen Kampfstoffen wurde im Genfer Protokoll von 1925 vereinbart und jetzt im Januar 1989 auf der Pariser Konferenz bekräftigt.

Allerdings war auch der Genfer Vertrag von Anfang an kaum mehr als Papier, ein Versprechen, das man je nach Bedarf spitzfindig interpretierte – wie Amerika im Vietnamkrieg – oder einfach nicht hielt. Während zum Beispiel Spanien in Genf unterzeichnete, verseuchte seine Luftwaffe im Protektorat Marokko die Dörfer der aufständischen Rifkabylen mit Lostbomben. Zur gleichen Zeit setzte der Unterzeichnerstaat Frankreich in seinem Teil dieser nordafrikanischen Kolonie ebenfalls Gas gegen die Rebellen ein.

Der Krieg in Spanisch-Marokko war auch der erste, der mit Hilfe von Gas gewonnen wurde. Er bewies, daß chemische Kampfstoffe hervorragend geeignet sind, Aufstände niederzuschlagen, besonders in Kolonien gegen einen technisch weit unterlegenen Gegner. Er war auch Vorbild für den zweiten mit Gas gewonnenen Krieg, als 1935/36 die italienische Luftwaffe mit massiven Kampfstoffattacken die Armeen des Negus Haile Selassie und die Widerstandskraft der abessinischen Zivilbevölkerung zermürbte.

Die Gasbomben, die von spanischen Fliegern zehn Jahre zuvor in Marokko abgeworfen wurden, waren von deutschen Technikern konstruiert, der Kampfstoff darin mit deutscher Hilfe produziert worden: Das Vorprodukt wurde in Hamburg gefertigt und dann in Melilla in Nordmarokko in einer aus Deutschland gelieferten Anlage unter Anleitung deutscher Chemiker zu dem Hautgift Lost weiterverarbeitet. Diese erste Kampfstoff-Fabrik auf afrikanischem Boden war also eine unmittelbare Vorgängerin von Rabta.

Spanien konnte sich als erster Staat mit Rat und Tat aus Deutschland chemisch hochrüsten. Die alliierten Kontrollen schreckten weder den Staat noch das Militär oder die Produzenten ab – das hohe Risiko motivierte vielmehr zur Meisterschaft in konspirativen Methoden.

Verdeckt richtete auch die spanische Regierung ihre Gas-Anfrage an die deutschen Stellen. Madrid benutzte den in Spanien ansässigen deutschen Bankier Julius Kocherthaler, dessen Geldinstitut im Weltkrieg geheime spanische Hilfe für die deutsche Marine vermittelt hatte. Über den Finanzmann ging die Anfrage an die Heeresleitung in Berlin, von dort zu Professor Haber. Der Chemiker, der zeitweise auf der Kriegsverbrecherliste der Alliierten gestanden hatte, dann aber doch – für die Erfindung der Ammoniaksynthese – mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war, stellte aus dem Hintergrund die Weichen für die geheime Gasrüstung der Reichswehr.

Es war im Spätsommer 1921, als das spanische Ersuchen zu Habers Schützling Hugo Stoltzenberg gelangte. Der Oberleutnant a.D. Stoltzenberg hatte sich durch hervorragende Leistungen im Kriege beim Bau und bei der Leitung des größten Füllwerkes für Lostmunition für die Aufgabe empfohlen, trotz Versailles die „Wehrfähigkeit des deutschen Volkes auf dem Gaskampfgebiet“ zu erhalten.

Als Spanien rief, war Stoltzenberg gerade dabei, im ehemaligen Kampfstoffzentrum Breloh-Munsterlager die Reste deutscher C-Waffen unter Aufsicht der Alliierten zu vernichten, zu verwerten und – wenn möglich – beiseite zu schaffen. Außerdem bereitete er den Bau einer Forschungs- und Entwicklungszentrale für Giftgase in Hamburg vor, die als zivile Fabrik für Äthylen und andere Chemikalien getarnt werden sollte.

Nicht nur Spanien klopfte zu diesem Zeitpunkt bei den Deutschen an. Schweden und Finnland schickten gleich Kommissionen. Das Geschäft mit Schweden kam erst später zustande, und im Fall Finnland blieb es wohl bei der Unterstützung im Gasschutz.

Der spanische Wunsch sollte jedoch sofort erledigt werden, so entschied man in Berlin aus außenpolitischen Gründen. Dem iberischen Königreich schuldete Deutschland Dank für manche diskrete Hilfe beim Unterseebootkrieg. Spanien war wirtschaftlich interessant und wichtig als Brücke zu Lateinamerika – und es stellte die letzte Hoffnung dar für Deutschlands wirtschaftsstrategische Erzminen-Interessen in Marokko. Den größten Teil der alten Konzessionen hatte schon der Versailler Vertrag hinweggerafft, der Rest würde auch noch verlorengehen, wenn Spanien sein Protektorat in Nordmarokko aufgeben müßte. Und das war jeden Moment zu befürchten, da der charismatische Berber-Führer Abd el Krim die seit Jahren aufständischen Stämme zu einem islamischen Heiligen Krieg, zum Befreiungskampf gegen das Joch der Kolonialmächte vereint hatte und die spanische Armee dem nichts entgegenzusetzen wußte.

Die spanischen Streitkräfte stärken, hieß deshalb die Devise für Deutschland. Außerdem bot sich hier eine hervorragende Gelegenheit, neue Ideen auszuprobieren: den ersten aerochemischen Krieg der Geschichte, andere Kampfstoffmischungen, andere Produktionsverfahren. „Der deutschen Industrie müsse die Übung in der Herstellung von Kriegsgerät erhalten bleiben“, so formulierte 1925 Generalmajor Otto Hasse, Chef des Truppenamtes (das den verbotenen Generalstab ersetzte), als es um die deutsche Beteiligung an der Modernisierung der türkischen Rüstung ging.

Die „spanische Aktion“, wie es intern hieß, war in erster Linie eine Angelegenheit der Reichswehr, wurde aber privatwirtschaftlich organisiert. Die Geschäfte führte die „Chemische Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg (CFS)“ in Hamburg, immer in enger Abstimmung mit den Militärs; in wichtigen Punkten war sie faktisch weisungsgebunden.

Im November 1921 fuhr Stoltzenberg (per Zug) mit einigen Fachleuten zu Verhandlungen nach Madrid. Spanien hatte ein doppeltes Anliegen: Es wollte sofort Kampfstoffe, um das drohende Debakel in Marokko abzuwenden, und es wollte parallel dazu eine eigene Kampfstoffrüstung aufbauen. Bei den Beratungen stellte sich heraus, daß Frankreich bereits den Anfang bei der Weiterverbreitung der C-Waffen gemacht hatte. Aus Frankreich war eine Füllanlage für Gasgranaten geliefert worden, die in Melilla wohl schon arbeitete. An Kampfstoffen hatten die Franzosen jedoch „nur“ rächen-, nasen- und augenreizende Gifte herausgerückt, mit deren Wirkung die spanischen Militärs überhaupt nicht zufrieden waren.

Aus Paris lag auch ein Angebot für eine Kampfstoff-Fabrik vor, wie sie den Spaniern vorschwebte: Sie sollte die ganze Palette der modernsten Giftgase produzieren können und eine Füllanlage für Munition sowie einen Versuchs- und Schießplatz umfassen.

Stoltzenberg und seine Mitarbeiter, alle ehemalige Offiziere, arbeiteten ebenfalls entsprechende Plane aus für die Kampfstoffsorten Lost, Phosgen (Lungengift) und Dick (Hautgift mit starker Wirkung auf die Atemorgane). Der Kostenvoranschlag für das Projekt betrug 10 Millionen Peseten (eine Peseta war knapp eine Goldmark wert). Mit dem Hinweis, das französische Angebot sei billiger, druckte die spanische Seite den Preis um 0,6 Millionen. Der Vertrag wurde formuliert, doch vor der endgültigen Unterzeichnung sollten sich zwei spanische Offiziere „in Zivil“ sowohl in Frankreich als auch in Deutschland umsehen.

Handelseinig

Damit war aber das aktuelle Problem noch nicht gelost. Ob Stoltzenberg denn auch fertige Kampfstoffe sofort liefern könne, trotz des Versailler Vertrages (Artikel 170, 171), ob er auf der Liste der Kriegsverbrecher stehe – fragten die Spanier vorsichtig. Und als Stoltzenberg im ersten Fall mit Ja antwortete und im zweiten mit Nein, war man sich handelseinig: Stoltzenberg würde aus den geheimen Reserven, die er für die Reichswehr bis dahin angelegt hatte, etwas abzweigen. Zum besseren Schutz bei diesen und künftigen riskanten Geschäftsaktionen wurde auf Anregung der Madrider Regierung auch über die Möglichkeit einer (zusätzlichen) spanischen Staatsbürgerschaft für Stoltzenberg diskutiert. Vielleicht eine Idee auch für heutige Lieferanten?

Kaum war Stoltzenberg zurück in Deutschland (zur Tarnung reiste er jetzt mit einem Dampfer), begannen Anfang 1922 die Lieferungen. Die Seetransporte wurden entweder als harmlose zivile Chemikalien deklariert, oder sie gingen als heimliche Ladung an Bord, die von den Kapitänen gegen gute Bezahlung mitgenommen wurde. Am 10. Juni 1922 kam der Vertrag über den Bau einer Kampfstoff-Fabrik in La Maranosa südlich von Madrid zustande – anscheinend hatten die beiden Offiziere von ihrer Besichtigung im Februar bei Stoltzenberg Positives gemeldet. Das Werk sollte

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im Friedensbetrieb täglich eine Tonne Lost, 1,5 Tonnen Phosgen und 1,25 Tonnen Dick produzieren. Eine Kapazität, wie sie der Irak gebraucht hat, um den Golfkrieg für sich zu entscheiden. Pläne und Technik für Maranosa sollten aus Deutschland kommen, ebenso die Experten für die Installation und das Anfahren der Anlagen.

Komplettiert wurde das Projekt durch eine Fabrik für Gasmasken und sonstiges Schutzmaterial, denn Gasrüstung bedeutet auch immer Zwang zum eigenen Gasschutz – wie Stoltzenberg seinen Partnern einprägte. Den Auftrag für dieses Werk vergab Spanien an die Firma Auer in Berlin. Auch dieses Geschäft war laut Versailler Vertrag verboten. Für die Bauaufsicht in La Maranosa eröffnete die CFS ein Büro in Madrid. An der Lieferung der Ausrüstung für die chemische Fabrik war nahezu alles beteiligt, was in der deutschen Industrie Rang und Namen hatte, unter anderem Siemens und Rheinmetall. Es gab anscheinend keine Probleme bei der Bestellung oder Ausfuhr der Anlagenteile. Kessel, Rührer, ein Spechtofen, Armaturen – scheinbar unverdächtige Geräte, bestimmt für die spanische Chemie-Industrie, die einen großen Modernisierungsbedarf hatte.

Stoltzenberg entwarf die Strategie

Spezialisten wurden angeworben, für die es – damals wie heute – Sonderverträge gab, die zu sorgfältiger Arbeit, Rücksicht auf die Landessitten und zu strenger Geheimhaltung verpflichteten – bei sehr guter Bezahlung. Die CFS-Experten im Büro Madrid übernahmen auch den Part der Unterweisung, sie gaben Rat über den Umgang mit Kampfstoffen und den Einsatz – auch dies ist eine wichtige Komponente bei einem Gasrüstungsgeschäft.

Soweit wie bei der spanischen Aktion dürfte aber bei keinem anderen Fall die Beratung gegangen sein: Stoltzenberg selber lieferte der spanischen Armee die Strategie, mit der sie schließlich die Kabylen niederrang. In seinen eigenen Worten, 1934 notiert: „Ich löste Problem 1. in Nordafrika Kolonialkrieg Wasserknappheit, schlechte Bergpfade Oasendörfer mit Lostbomben 110 to = 10 000 Bomben à 10 kg Carbonit. 2. Ausräuchern und Verseuchen der Wege in Verbd. mit Brandtaktik gelber P(hosphor). Elektron. Lost-Bnstoff.“

Übersetzt heißt das: Stoltzenberg empfahl einen totalen Luftkrieg gegen das Hinterland des Gegners und seine Zivilbevölkerung. Mit Giftgasbomben sollten die Dörfer, Felder, Wasserstellen und Wege verseucht und unbenutzbar gemacht werden. Den Kabylen mit ihrer Guerilla-Kampfweise würde damit die Basis entzogen werden.

Mit dem unkonventionellen Vorschlag taten sich die eher traditionell denkenden spanischen Generäle schwer. Außerdem fehlte es an Lost, es gab, auch keine erprobten Kampfstoff-Bomben. Das erste Problem wurde durch König Alfons XIII. gelöst: Er sprach sich für die Strategie aus. Die Gasbomben wurden von den Stoltzenberg-Mitarbeitern in Madrid entwickelt; der Chef selber besichtigte in Melilla die alte Füllanlage. Hier sollte eine Kleinfabrik für die Umwandlung von Oxol (und Salzsäure) zu dem Hautgift Lost aufgebaut werden.

Das ungiftige, für die Herstellung verschiedener ziviler Chemieprodukte benötigte Oxol produzierte Stoltzenbergs Unternehmen in Hamburg. Es wurde von dort mit Ausfuhrgenehmigung, aber zur Tarnung über die Zwischenstation Malaga nach Nordafrika transportiert. Weitere Oxolmengen besorgte die CFS von amerikanischen Firmen. In der zweiten Jahreshälfte 1923 ging die Lostsynthese in Melilla in Betrieb.

Anfang 1924 begann der Gaskrieg aus der Luft. Das Experiment wurde auch in Berlin mit großer Aufmerksamkeit beobachtet. Der Chef der Heeresleitung selber entschied, daß zwei Fliegeroffiziere in Zivil auf „Spanien-Urlaub“ geschickt wurden, „um dort spezielle Erfahrungen“ zu sammeln. Im Frühsommer 1925 trafen die beiden auf dem Kriegsschauplatz in Marokko ein: Hauptmann Ulrich Grauen und Leutnant Hans Jeschonnek. Der Hauptmann und sein Leutnant flogen Einsätze der spanischen Luftwaffe mit – sie waren wohl die ersten deutschen Soldaten, die Giftgas aus der Luft abwarfen. Dieser „Urlaub“ ist ein beispielloser Fall unter den wahrlich abenteuerlichen Aktionen der geheimen deutschen Aufrüstung. Die beiden Offiziere machten später große Karriere: Grauen war Anfang des Zweiten Weltkrieges Kommandeur des 1. Fliegerkorps, Jeschonnek sogar Chef des Generalstabes der Luftwaffe, also einer der engsten Mitarbeiter des Oberbefehlshabers Hermann Göring.

Erfolgreich (im Sinne der Spanier) war letztlich auch der Gaskrieg aus der Luft. Die schon als unbesiegbar betitelten Kabylen-Stämme wurden niedergebombt und mußten kapitulieren. Im Juli 1927 konnte Madrid offiziell die Befriedung des Protektorates verkünden. In La Maranosa waren zur gleichen Zeit die Abschlußarbeiten im Gange, das erste Giftgasgeschäft ging zu Ende.

Die „spanische Aktion“ ist ein Beispiel für eine Rüstungstransaktion, bei der das ausführende Unternehmen von seiner eigenen Regierung massiv unterstützt wird. Parallel zu Spanien lief seit 1923 das Projekt IKO in Rußland, bei dem es sich um einen ganz besonderen Fall handelt: Hier bestellte die Regierung die zu liefernde Fabrik. Dem typischen Geschäft von heute dürfte eher die anfangs erwähnte Jugoslawien-Geschichte entsprechen. Im Fall der „Zellstoff-Fabrik“ war Berlin nicht unmittelbar beteiligt, beobachtete aber die Vorgänge kritisch. Man wußte genau Bescheid über den kriminellen Handel, duldete ihn aber.

Das jugoslawische Projekt zeichnete sich durch eine besondere Variante der Tarnung und Finanzierung aus. Als Auftraggeber trat das Forstministerium in Belgrad auf. Es bestellte bei der Sudenburger Maschinenfabrik in Magdeburg eine Zellstoff-Fabrik. Das Geld dafür kam aus dem jugoslawischen Anteil an den Reparationszahlungen, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zu leisten hatte. Hinter Sudenburg steckte Stoltzenbergs CFS. Sudenburg kassierte für fingierte Pläne und Rechnungen Provision, die Jugoslawen erhielten statt einer Zellstoff-Fabrik ein Kampfstoff-Kombinat, für das sie keinen eigenen Dinar ausgeben mußten.

Den größten „Exporterfolg“ für die deutsche C-Waffentechnik gab es 1945. Auf einen Schlag übernahmen die Weltmächte Amerika und Sowjetunion und ihre Mitsieger Großbritannien und Frankreich die Kampfstoffneuheit des besiegten Reiches: die sogenannten Nervengase. Wiederum wurde eine deutsche Erfindung Weltstandard für chemische Kampfstoffe. Auf die Herkunft weisen bis heute die amerikanischen Codebezeichnungen hin: GA = German A für Tabun, GB für Sarin und GD für Soman. Durch diese Supergifte vom Typ Phosphorsäureester wurde der Gaskrieg, ja der Krieg überhaupt verändert. „Von nun an galt das unbedingte Gebot, daß alle gegnerischen Überfälle als chemische Überfälle zu gelten haben“, bis sich das Gegenteil bestätigt. So jedenfalls das Urteil des DDR-Lehrbuches „Militärchemie“. Kaum hatten die Siegermächte die Bedeutung der „Trilon“-Gase (deutsche Tarnbezeichnung) erkannt, verleibten sie Vorräte und Anlagen ihren eigenen Arsenalen ein. Allein Amerika kassierte 44 051 Tabun-Bomben.

Die Anlagen zur Tabunherstellung in Dyhernfurt an der Oder und die Sarin-Fabrik in Falkenhagen bei Berlin wanderten wohl zur Wolga, wo sie die veraltete deutsche Technik aus früherer gemeinsamer Zeit der Kameradschaft zwischen Roter Armee und Reichswehr ersetzt haben dürften. Eine Sarin-Anlage fiel den westlichen Alliierten in die Hände. Sie wurde von Breloh-Munsterlager nach Großbritannien umgesetzt. Äußerst gefragt war natürlich auch das deutsche Fachpersonal.

Und wie nach 1918 standen die Kaufinteressenten vor der Tür, kaum daß sich der militärische Wert von Hitlers C-Geheimwaffe herumgesprochen hatte. Bei der Firma Stoltzenberg in Hamburg zum Beispiel fragten 1953 die alten Geschäftspartner Brasilien und Türkei an. Während die Südamerikaner gleich von einer Phosphorsäure-Fabrik sprachen, äußerte die Regierungsstelle in Ankara den Wunsch in der seit den zwanziger Jahren üblichen Umschreibung: Ob Stoltzenberg eine Fabrik für Schädlingsbekämpfungsmittel liefern könne? Nun, die CFS konnte nicht, im Anlagenbau war ihr nur noch der Ruf geblieben. Interessiert zeigten sich in den Jahren bis 1956 auch Israel, Südafrika, Indien und der Iran, so ist es jedenfalls in Stoltzenbergs Notizbüchern festgehalten. Wo und wie diese potentiellen Käufer bedient wurden, dazu gibt es kaum mehr als Gerüchte.

Anders als 1920 schworen die (West-) Deutschen 1954 freiwillig, ihre Hände vom Giftgas zu lassen und auf die Herstellung und Weiterverbreitung von Chemiewaffen zu verzichten. Entsprechende Gesetze und Vorschriften wurden erlassen, internationale Kontrollen (durch die Westeuropäische Union) akzeptiert. Die Beschränkungen dürften der betroffenen Industrie über einige Jahre nicht allzu schwer gefallen sein: Die Nachfrage nach C-Waffen ging zurück, das atomare Wettrennen der Megatonnen und des Overkills zog alle in seinen Bann. Die chemische Waffe – war das nicht Opas Waffentechnik? Längst erforscht, ausgereizt, letztlich nicht zu verwenden – wie der Zweite Weltkrieg doch gezeigt hatte? Und auch der Vietnamkrieg! War dort nicht der Sieg für die Amerikaner ausgeblieben, obwohl sie ein gigantisches Waldsterben inszenierten durch das Absprühen von Phytogiften, Entlaubungsmitteln, an deren Lieferung auch die deutsche Chemie anscheinend Anteil hatte?

Die Faszination der atomaren Strategie hielt bis in die siebziger Jahre an, bis auch den Militärs dämmerte, daß der nukleare Holocaust kein praktikables Instrument der Kriegführung ist. Die Alternative, das Mittel, das Kriege wieder führbar machte, lag längst bereit, eine alte Bekannte, kontinuierlich auf den neuesten Stand gebracht: die Gaswaffe in der modernen Form der Binärmunition, bei der sozusagen jede Granate oder Bombe eine Mini-Kampfstoff-Fabrik ist, die im Flug produziert, leicht zu lagern, leicht zu handhaben ist.

Parallel dazu gab es offenkundig auch ein Umdenken bei den sogenannten Schwellenländern. Sie drängten nicht nur zur Entwicklung einer eigenen Atombombe, sondern sie schauten sich nach der Alternative oder Ergänzung Nervengas um. Wo Nachfrage ist, finden sich bald Anbieter. Daß sich die Interessenten auch und vielleicht sogar vor allem an die erfahrene, hochqualifizierte deutsche Chemie-Industrie wandten, hat gute Gründe. Denn so leicht, so ungefährlich, wie manche Professoren und sonstige Experten heute erzählen, sind Planung und Bau einer Nervengasfabrik immer noch nicht, daß jeder Hassan, Tschiang oder Francisco sie allein liefern oder auch betreiben könnte.

C-Waffen haben Konjunktur

Was in der jetzigen Phase des deutschen C-Waffenhandels – außer an Libyen – alles geliefert worden ist – vielleicht wissen es die Geheimdienste der Großmächte. Hinweise kamen mehrmals von der CIA, so 1983/84, als der Irak, Taiwan und Birma als Empfänger genannt wurden. Die Lieferung an den Irak zumindest bestätigte sich.

Sicherlich befinden wir uns in einem Boom der C-Waffenrüstung, der auch durch den sanktionslos gebliebenen Gaseinsatz des Irak weiter angefacht wird. Lassen sich deutsche Beteiligungen verhindern? Der Einblick in die Geschichte der deutschen C-Waffenexporte könnte entmutigend wirken. Nur wenn die Nachfrage entfällt, werden sich die Händler des Todes anderen Geschäften zuwenden.

Der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller und der Fernsehredakteur Rudibert Kunz arbeiten an einer „Geschichte der deutschen C- und B-Waffenrüstung 1919 bis 1945“. Eine Monographie über den Krieg in Spanisch-Marokko erscheint demnächst.